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Mangelnde Demut – Ein Kommentar

Die Mannschaft der Kölner Haie nach dem 6:3-Sieg gegen Augsburg - Foto: Andreas Dick

Dass die inzwischen wieder auf Vorjahresniveau gewachsene Kadergröße ein Problem werden könnte, hat sich abgezeichnet. Nick Latta hat dieses Problem für sich persönlich nun gelöst. Am Ende der vergangenen Saison hatten Torsten Ankert und Marcel Ohmann ebenso die Konsequenzen für sich gezogen. Zurück bleibt die Frage, warum es in Köln nicht möglich zu sein scheint, mit einem großen Kader zu arbeiten. Ein Grund drängt sich auf: Mangelnde Demut. – Ein Kommentar.

“Eigenverantwortung gefragt”

Nach der Trainingseinheit am Mittwoch gab es vor dem Pressegespräch, in dem wir später von Nick Lattas Vertragsauflösung erfuhren, wie häufig üblich einen Spieler zum Interview für die Runde direkt an der Eisfläche. Es geht am Donnerstagabend gegen die Krefeld Pinguine, also wurde Christian Ehrhoff an die Bande gewünscht. Die Fragen zu Krefeld und der Besonderheit der Partie waren nicht mein Thema. Ich wollte wissen, ob die Mannschaft inzwischen angefangen hat, eine Haltung zum großen Kader und dem Umgang damit zu entwickeln.

Darauf antwortet der Haie-Kapitän: „Für mich ist da auch Eigenverantwortung gefragt. Jeder hat es selbst in der Hand. Für gute Leistungen wird man belohnt und bekommt seine Eiszeit oder überhaupt seine Einsätze. Es ist letztendlich auch eine Charaktersache, wie man damit umgeht – ob man es als Anlass nimmt, ein bisschen härter zu arbeiten, oder ob man es auf andere schiebt und den Kopf in den Sand steckt. Für mich persönlich ist sowas ganz normal. Ich kenne das aus Nordamerika. Da hat man immer drei Spieler, die auf der Tribüne sind, wenn alle gesund sind. Wenn man nicht mitspielt, dann ist man da ganz schnell weg vom Fenster. Hier in Deutschland ist das ein bisschen anders. Hier muss jeder immer ein bisschen mit Samthandschuhen angefasst werden. Da muss man halt ein bisschen diese mentale Stärke an den Tag legen und um seine Einsatzzeiten mit guten Leistungen kämpfen.“

“In Deutschland wird sich zu viel beschwert”

Die Pressevertreter hatten zum Zeitpunkt dieses Statements noch keine Ahnung, warum Nick Latta beim Training nicht auf dem Eis gewesen war. Ehrhoffs Aussagen waren eine grundsätzliche Antwort auf eine grundsätzliche Frage.

Sein Vergleich mit der NHL hinkt allerdings ein bisschen, denn der große Unterschied zwischen DEL und NHL liegt nicht einfach nur in der Qualität oder darin, dass man es in Nordamerika gewohnt ist, mit und aus Farmteams zu arbeiten und Kader eben so groß sind, dass es für jedes Spiel drei healthy scratches im Team gibt. Christian Ehrhoff sagte auch: „In Deutschland wird sich viel zu viel beschwert.“ Und das liegt vor allem auch daran, dass in der DEL unter den Spielern etwas deutlich weniger weit verbreitet ist als in der NHL: Demut.

In die beste Liga der Welt will man es schaffen – wie tausende andere auch. Es gibt nicht den Gedanken, ein Anrecht auf einen Platz in einem der mittlerweile 31 Kader zu haben, weil man selber findet, dass man gut genug ist. Es geht darum, alles, was man hat, zu investieren, um sein großes Ziel zu erreichen und es dann auch festzuhalten, sprich im Team zu bleiben. Konstant. Jedes Jahr aufs Neue. Wenn man nicht gerade ein Ausnahmetalent ist, dann gilt es nicht einfach nur, sein erreichtes Niveau zu halten. Verbesserungen und Steigerungen werden erwartet. Es wird einem nichts geschenkt auf dem Weg.

Blair Jones hat das im Interview bei uns aus eigener NHL-Erfahrung beschrieben: „Man kommt jedes Jahr in bestmöglicher Verfassung zum Trainingscamp und versucht, es den Verantwortlichen so schwer wie möglich zu machen, einen ins Farmteam zu schicken. Und wenn sie einen ins Farmteam schicken, arbeitet man einfach hart, damit man der erste auf der Liste ist, der wieder hochberufen wird.“

Der eigene Name ist nicht wichtig

31 Teams mit je 23 Kaderplätzen. Wenn man einen davon ergattert hat, dann zerreißt man sich an jedem einzelnen Tag, um seinen Platz unter diesen 23 zu behalten. Egal, wie oft in der Saison man nicht im 20-köpfigen Aufgebot für die Spiele steht. Der eigene Name ist nicht wichtig. Es zählt der Erfolg des Teams und das große, gemeinsame Ziel.

Genau wie in der DEL gibt es auch in der NHL gesetzte Starspieler, die nicht um ihren Roster-Spot fürchten müssen. Und selbst die streben in der besten Liga der Welt stetig nach der Perfektionierung ihres Spiels – ein Wesenszug, den sie neben ihrem Talent mitgebracht haben, um überhaupt ein Starspieler zu werden, der nicht um seinen Roster-Spot fürchten muss. Man wird den Tag nicht erleben, an dem die Connor McDavids, Sidney Crosbys, Erik Karlssons oder Patrick Kanes dieser Welt mit ihrem Spiel zufrieden sind. Gut ist der Feind von besser.

Man sucht in der DEL – oder zumindest aktuell in Köln – an einigen Stellen vergeblich nach diesem Sich-selbst-hinterfragen oder aus eigenem Antrieb heraus besser werden wollen. Hier ist es offensichtlich nicht normal, den Erfolg des Teams über die eigenen Wünsche zu stellen. Gefährlich wird es dann, wenn sich jemand im Grunde seines Herzens als zu gut für die DEL betrachtet, obwohl er in eben dieser DEL einen Vertrag bekommen und unterschrieben hat.

Persönliche Befindlichkeiten zu oft ein Thema

Wenn es durch die Bank allen in allererster Linie darum ginge, eine Meisterschaft zu holen, dann wäre es nicht schwer vermittelbar, einen tiefen und großen Kader als Stärke zu sehen anstatt als Affront gegen einzelne Individuen. Es passiert aber viel zu oft, dass persönliche Befindlichkeiten ein Thema sind. Der eine ist unglücklich mit dem Trainer, der nächste hat zu wenig Eiszeit, der dritte hat nicht den gewünschten Center in die Reihe gestellt bekommen und so weiter. Das hat mit Respekt dem Club und der Verpflichtung dem Logo auf der Brust gegenüber nichts zu tun.

Man müsste gar nicht mal so viel Pathos dranhängen. Man könnte es auch einfach von der sachlich, professionellen Seite aus betrachten, wie beispielsweise Moritz Müller kürzlich: „Wir haben einen großen Kader, jetzt wo alle wieder gesund sind. Durch die Nachverpflichtung ist es nochmal einer mehr und auch eine Ausländerlizenz zu viel. Es wird jetzt vermutlich wöchentlich für den einen oder anderen unangenehme Entscheidungen geben. Wir als Mannschaft müssen das so akzeptieren. So ist das Geschäft. Und es ist der Situation geschuldet, in die wir uns selber gebracht haben.“

Anspruch an sich selbst

Es kommt nicht von ungefähr, dass es oft genug nachrückende junge Spieler sind, die aus einem Kader voller gesetzter Veteranen herausstechen. Das sind Jungs, die auf ihre Chance in der DEL hingearbeitet haben und für die das Erreichen eines Roster-Spots bei den Kölner Haien noch eine große Sache und keine Selbstverständlichkeit ist. Siehe die Auftritte und Leistungen von Lucas Dumont, Eric Valentin und auch Dominik Tiffels.

Es ist nicht so, dass sich diese Form von Ehrgeiz und persönlichem Anspruch an sich selbst so gar nicht in den Reihen des KEC findet. Es gibt auch genug Beispiele für die richtige Haltung sich selbst, dem Club und der Liga gegenüber. Lange nicht jeder schaut nur auf persönliche Statistiken oder die erhaltene Eiszeit. Das macht es eigentlich auch unfair, alle über einen Kamm zu scheren, aber Eishockey ist nun mal ein Mannschaftssport. You win as a team, you lose as a team.

„Demut“ mag ein großes Wort sein, um es in einem Atem mit etwas so Nebensächlichem wie Eishockey zu nennen. Vielleicht hätte es „Bescheidenheit“ als Ausdruck des Gegenteils von Selbstzufriedenheit auch getan. Aber es geht eben nicht nur darum, sich selbst im gesamten Teamgefüge nicht so wichtig zu nehmen, sondern auch darum, einen hohen Anspruch an sich selbst zu stellen, bevor man den an andere stellt. Dazu sollte eigentlich nicht mal ein Fingerzeig in Richtung NHL nötig sein. Am Ende des Tages ist Kritikfähigkeit – auch und besonders gegen sich selbst – schlicht eine Charakterfrage.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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Nick Latta löst Haie-Vertrag auf

6 Kommentare

  1. Thoaster
    11.01.2018

    Danke für diesen wunderbaren Kommentar. Ich glaube, Du hast in allem, was Du ansprichst Recht. Allerdings gibt es da, meiner Meinung nach, eine ganz wichtige Dimension, die gerne übersehen wird.
    Wie CE10 und Du richtig sagen, ist es z. B. in der NHL so, dass wenn Du keine Leistung bringst ganz schnell weg bist und hinter Dir zig Spieler stehen, die qualitativ mindestens genau so gut sind, wie Du.
    In der DEL ist ja nun aber so, dass Du diesen Druck als Spieler kaum bis gar nicht hast. Was passiert denn, wenn Du, sagen wir mal beim KEC mangels Leistung aussortiert wirst? Du landest, z. B., in Wolfsburg. Musst Dir kaum Sorgen darum machen, nicht zu spielen und verdienst sicher kaum schlechteres Geld, als in Köln.
    Und was Sabine Wallau anführte, wegen der Verbundenheit zum Verein….ich befürchte, dass das heute schon eine absolute Ausnahme ist und das zukünftig noch schwieriger wird. Wie lange sind Spieler heute denn bei ein und demselben Team? Die Gehaltsstrukturen in der DEL sind ja inzwischen so, dass Du überall richtig gut verdienen kannst.
    Was man aber erwarten können sollte, ist, dass man sich für seinen Arbeitgeber rein hängt. Manche träumen ja noch von einer Olympia-Teilnahme….da sollte man aber auch Olympia-Taugliche Leistung bringen……

  2. Strega
    11.01.2018

    Diesem ehrlichen Kommentar ist Nichts inzuzufügen.
    Ich schließe mich meiner Vorgängerin an, in Bezug aufs lesen ….
    “Auf geht”s Hai ..LESEN..”

  3. Thomas
    10.01.2018

    Nächster guter Kommemtar. Ich bin ja selten der Meinung von Herrn Erhoff, aber in dem Fall stimme ich zu.

    Es zeigt ganz gut wie sich Deutschland entwickelt. Jeder will alles haben, ohne dafür zu Arbeiten. Sehe ich täglich bei meinen Arbeit. Hier stelle ich aber mal offen die Frage, ob man sowas nicht vermitteln müsste.

    Sicher sind die Spieler da in einer Eigenverantwortung nicht außen vor, aber sowas sollte man auch von älteren Spielern lernen. Ich bin selber noch nicht so alt, habe mir immer etwas von erfahrenen Kollegen abgeschaut. Es geht hier auch etwas um einen Lernprozess.

    Was mir etwas fehlt ist der soziale und Mentale Teil. Aber oft reduziert sich das auf, der ist eben nicht so gut, heißt technisch nicht so versiert.

    Wir haben eben nicht das System wie in Amerika. Logischerweise ist das dann für einige ein Prroblem. Es geht mehr um den Verein als um Einzel Schicksale, aber man kann hier auch einfach mehr rotieren, sei es für körperliche Pausen als auch mentale Pausen.

    Beim KEC ist es aber so, dass immer die gleichen auf die Tribüne gehen. Und dann dort auch bleiben. Letzte Saison wie diese Saison. Ich frage mich ob das ein Fingerzeig zur neuen Saison wird.

    Ob Draisaitl das jetzt so kommunizieren muss, weiß ich auch nicht. Ein einfaches wir stehen Latta nicht im Weg wenn er seine Zukunft hier nicht mehr sieht wünschen wir ihm alles gute.

    Es ist jetzt so, Verständnis hin oder her, aber das finde ich auch nicht so toll.

    Gruß
    Thomas

  4. Alexander
    10.01.2018

    Wenn sich jemand zu wichtig nimmt ist das schlecht für das Team dann sollte man besser den Nachwuchs ranlassen wie es unter Draisaitl oft der Fall ist das unerfahrene spielen.

  5. strassenwaerter1961
    10.01.2018

    Ich persönlich finde es sehr, sehr schade… :-(
    und wieder geht ein junger, deutscher Spieler,
    ” Qou Vadis KEC… ” wohin geht dein Weg…,
    offenbar nach/über/mit Kanada… ;-( J.H.

  6. Sabine Wallau
    10.01.2018

    Chapeau! Ein richtig guter Kommentar, der in einer ruhigen Art geschrieben ist.
    Mir waren/sind immer Aussagen wie “sie müssten das Haie Logo mit Stolz und Ehre tragen” zu dick aufgetragen, aber ich wusste auch nicht, wie man es besser hätte sagen können. Die Verbundenheit zu einem Verein, das Anerkennen der Verantwortung gegenüber dem Arbeitgeber, gegenüber den Mannschaftskameraden und auch gegenüber den Fans, das scheint vielen Spielern zu fehlen. Man fragt sich dann, ob das ein reines Kölner Problem ist.
    Wollen wir hoffen, dass einige sich doch noch darauf besinnen, was tatsächlich wichtig ist.
    Vielen Dank für diesen passenden und guten Kommentar! Vielleicht liest den ja auch der ein oder andere Spieler… ;-)

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