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Blair Jones: Physische Härte ist eine meiner Stärken

KEC-Stürmer Blair Jones - Foto: Andreas Dick

Der 31-jährige Kanadier centert aktuell die Reihe mit Ben Hanowski und Justin Shugg und steht für Physis und einen amtlichen Schlagschuss. Im exklusiven Haimspiel.de-Interview berichtet er von seiner Teilnahme an einem der berüchtigtsten Line-Brawls der jüngeren NHL-Geschichte, erzählt von seiner Karriere als Badewärter und erklärt, warum im Haus seiner Eltern die Kellerwände so viele Dellen haben.

“Hier wird anders gepfiffen als in Nordamerika”

Blair, das hier ist deine zweite Saison in der DEL. Inwieweit bist du diese Saison anders angegangen als die letzte?

Ich habe mich darauf gefreut, nach Köln zu kommen. Es ist eine schöne Stadt mit einem guten Club. Ich dachte mir, ich werde es vermutlich ein bisschen gemäßigter angehen lassen müssen und vielleicht besser ein bisschen weniger aggressiv spielen als letztes Jahr. Ich wollte die Zeit hier einfach genießen mit den Jungs, beim Training und bei den Spielen. Ich habe es bis jetzt sehr genossen. Natürlich müssen wir hier in den verbleibenden zwölf Hauptrundenspielen weiter Punkte einfahren. Es wäre gut, in einen Lauf zu kommen und die Hauptrunde stark zu beenden. Aber ich bin nicht sicher, ob sich etwas an meiner Herangehensweise geändert hat. Es ist immer noch Eishockey.

Es passiert nicht selten, dass sich Spieler aus Nordamerika erst darauf einstellen müssen, wie hier gepfiffen wird. Hat das in deinem ersten Jahr eine Rolle gespielt?

Ja. Das war wirklich eine Umstellung. Ich will niemanden kritisieren, aber manchmal war es wirklich schwierig zu wissen, was gepfiffen wird und was nicht. Hier wird schon anders gepfiffen als in Nordamerika. Deswegen muss man sich ein bisschen mäßigen in dem, was man macht, und versuchen, den Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, die einen hier auf die Strafbank bringen. Manche Dinge sind in Nordamerika normal, die hier zu einer Strafe führen. Darauf muss man sich einstellen.

Wie sehr hat dich das als Spielerpersönlichkeit eingeschränkt oder verändert?

Naja, ich spiele schon gerne physisch und gehe gerne hart in Zweikämpfe. Physische Härte ist eine meiner Stärken. Ich will nicht sagen, dass man die hier gar nicht einsetzen darf, aber man muss sie halt anders einsetzen. Einiges von meinem früheren aggressiven Spiel ist hier nicht erlaubt. Aber damit muss man einfach lernen umzugehen.

“Ich muss jetzt niemanden mehr durch den Dreck ziehen”

Bei deiner Suspendierung in Iserlohn gab es jede Menge Statements von Cluboffiziellen, aber ich habe kein einziges Zitat von dir dazu gefunden. Hat dich einfach niemand nach deiner Seite der Geschichte gefragt oder wolltest du nichts dazu sagen damals?

Nein, mich hat nie jemand nach meiner Seite der Geschichte gefragt. Ich könnte mich natürlich darüber auslassen, aber das liegt jetzt in der Vergangenheit. Ich muss jetzt niemanden mehr durch den Dreck ziehen oder sowas. Ich habe das hinter mir gelassen und bin jetzt froh, in Köln zu sein und für diesen Club zu spielen. In Iserlohn ist es halt so gelaufen, wie es gelaufen ist. Der Trainer von damals ist auch schon lange nicht mehr da. Jeder kann sich selbst seinen Teil denken.

Der damalige Trainer hat dich öffentlich einen „Möchtegern-Superstar“ genannt und noch einige andere harsche Dinge gesagt, die dir leicht ein Engagement bei einem anderen Club in dieser Liga hätten verbauen können.

Ich habe mich damals nicht sonderlich darum geschert, wie die ganze Situation gehandlet wurde. Wie gesagt, niemand hat mich damals angerufen oder nachgefragt, um meine Seite der Geschichte zu hören. Ich lasse das auf sich beruhen und werde nicht anfangen, schlecht über jemanden zu reden oder ähnliches.

“Gehirnerschütterungen sind eine schwerwiegende Angelegenheit”

Als du nach deiner Gehirnerschütterung zurückgekommen bist, hattest du konditionelle Defizite. Wie fühlst du dich inzwischen?

Ich fühle mich ziemlich gut. Es ist wirklich eine undankbare Verletzung, weil man wirklich gar nichts machen darf. Wenn man sich die Schulter verletzt, kann man trotzdem noch auf dem Standfahrrad trainieren oder seinen Puls auf andere Weise hochtreiben. Bei einer Gehirnerschütterung kannst du gar nichts machen. Also sitzt man eigentlich nur rum und wartet einfach, bis es wieder gut ist. Man macht wirklich gar nichts. Dann ist es schwer, danach seinen Kreislauf wieder auf Touren zu bringen und sein Timing wiederzufinden. Das ist ein langwieriger Prozess. Ich fühle mich inzwischen viel fitter. Und wir haben ja auch noch zwölf Hauptrundenspiele, um wieder auf hundert Prozent zu kommen.

Während der Reha nach einer Leisten-Operation vor einigen Jahren hast du über dich selber gelernt, dass du nicht gut darin bist, nichts zu tun – vor allem, weil das Fernsehprogramm tagsüber so schlecht ist. Jetzt konntest du nicht mal fernsehen. Wieviel schlimmer war das jetzt?

(lacht) Es war nicht besonders schön. Ich habe eine Menge Podcasts und Radio gehört. Wenn es ging, habe ich versucht, einen Spaziergang zu machen. Einfach nur um mir die Zeit zu vertreiben, weil die Tage einfach so lang waren. Ich konnte wirklich nichts machen. Mir war ziemlich langweilig. Ich habe viel mit meiner Familie und meinen Freunden zuhause gesprochen, um mir die Zeit zu vertreiben. Aber das liegt jetzt zum Glück hinter mir.

Es gab in deiner Karriere einige Situationen, die gut und gerne in einer Gehirnerschütterung hätten enden können. Da waren unter anderem ein blindsided Hit von Bostons Michael Ryder oder ein ziemlich heftiger Check von Colton Orr. Wird deiner Meinung nach mit Gehirnerschütterungen sorgsam genug umgegangen?

Inzwischen gibt es ja immer mehr Untersuchungen und Informationen darüber, so dass es ernster genommen wird. Man hat nun mal nur ein Gehirn, auf das man aufpassen sollte. Inzwischen weiß man, dass schon eine einzige Gehirnerschütterung dein tägliches Leben nachhaltig beeinträchtigen kann, wie man fühlt oder wie man denkt. Meiner Meinung nach sollte das viel ernster genommen werden. Häufig werden Spieler viel zu schnell zurück in den Spielbetrieb geschickt. Man sollte nicht zu früh wieder spielen. Vernünftigerweise sollten Spieler eher sicherheitshalber zwei oder drei Spiele mehr aussetzen, damit das Gehirn wirklich ausheilen kann. Oft genug fühlt man sich unter Druck, wieder zu spielen, damit man seinen Platz im Line-Up nicht verliert oder weil man sich für einen Vertrag für die Folgesaison empfehlen will. Die Teams sollten Spieler, die eine Gehirnerschütterung hatten, lieber ein bisschen länger draußen lassen, anstatt sie um jeden Preis schnell wieder im Line-Up zu haben. Vor zwei Tagen hat der Quarterback der Carolina Panthers einen harten Hit eingesteckt und hatte ganz klar eine Gehirnerschütterung. Sie haben ihn trotzdem zurück ins Spiel gelassen. Das sollte so nicht sein. Zudem war das ein Spieler, der vorher schon eine Gehirnerschütterung hatte. Ich sehe sowas sehr ungern. Weil es inzwischen Ergebnisse von immer mehr Studien gibt, werden die Menschen begreifen, dass Gehirnerschütterungen eine deutlich schwerwiegendere Angelegenheit sind, als man bislang gedacht hat.

Denkst du, dass du hier lange genug Zeit zur Genesung hattest?

Ich wollte warten, bis ich sicher bin, dass ich wirklich keine Symptome mehr bemerke. Ich wollte warten, bis ich morgens ohne Kopfschmerzen aufwache und bis ich keine Probleme mehr mit lauten Geräuschen und grellem Licht habe. Ich wollte sichergehen, dass ich mich wieder komplett ok fühle. Mark Mahon und die Trainer waren wirklich toll und haben mir die Zeit dafür gegeben.

“Die Eishalle war immer offen”

Mit Ben Hanowski habe ich über seine Heimatstadt Little Falls gesprochen, die mit ihren 8000 Einwohnern sehr klein ist – wie er auch selber findet. In Vorbereitung auf dieses Interview habe ich mich über deine Heimatstadt Craik / Saskatchewan erkundigt…

Ja, Craik hat ungefähr fünfhundert Einwohner. Ich glaube, in meiner High-School-Abschlussklasse waren wir dreizehn Schüler. (lächelt) Das ist ein toller Ort, um aufzuwachsen. Im Winter war die Eishalle immer offen. Da habe ich den Großteil meiner Zeit mit meinen Freunden beim Eishockey zocken verbracht. Wir haben so oft gespielt, wie es nur ging. Wir hatten eine Menge Spaß. Oder wir sind Schlitten- oder Schneemobil gefahren. Ich war immer schon gerne draußen. Für den Sommer gab es einen schönen Platz zum Zelten, ein Schwimmbad und einen kleinen See. Es gibt viel Wassersport. Ich habe es sehr genossen, in so einem kleinen Ort aufzuwachsen. Man lernt da eine Menge mehr Dinge fürs Leben als vielleicht ein Kind, das in der Stadt aufgewachsen ist und nicht die Sachen lernt, die man zum Beispiel auf einer Farm macht oder die in der Natur wichtig sind. Die Leute lachen üblicherweise, wenn ich ihnen meinen Heimatort zeige. Da gibt es nicht mal eine Ampel oder sowas. Ich bin da immer noch gerne.

In einem Ort mit fünfhundert Einwohnern kennt vermutlich jeder jeden. Ist man da nicht quasi unter ständiger Aufsicht aufgewachsen?

Ja, schon. (lacht) Es ist aber auch nett. Wenn man in der Stadt an jemandem vorbeifährt, dann grüßt man sich. Leute, die in einer großen Stadt leben, lachen darüber oft. Es kennt einfach wirklich jeder jeden. Ich habe da immer noch viele Freunde. Wir hatten immer viel Spaß und haben versucht, so wenig wie möglich Unsinn zu machen. (grinst)

Als Ferienjob in deiner Schulzeit warst du Badewärter bzw. Rettungsschwimmer.

Ich bin im Sommer liebend gerne schwimmen gegangen. Dann habe ich Unterricht genommen und alle notwendigen Schulungen durchlaufen, um den Job machen zu können. Das war tatsächlich bislang mein einziger anderer Job, den ich jemals hatte. (lacht) Das hat Spaß gemacht.

In der Position musstest du mitunter ziemlich streng sein mit lauter Menschen, die du gut kanntest. Hat das funktioniert?

(lacht) Ich war nicht sonderlich streng. Ich habe eher mitgemacht, wenn zum Beispiele Spiele gespielt wurden, anstatt das zu unterbinden. Aber es hat mir wirklich Spaß gemacht, im Schwimmbad zu sein und zu arbeiten. Es ist ein guter Job, bei dem man draußen in der Sonne sein kann.

“Ich bin einfach gerne in der Natur”

Du bist früher auch gerne auf die Elchjagd gegangen oder mit dem Boot zum Fischen rausgefahren – viel kanadischer geht es kaum. Hast du heute noch die Zeit dafür?

Ich versuche, Zeit dafür zu finden. Ich habe ein Boot zuhause. Ich versuche, an so vielen Tagen wie möglich rauszufahren, wenn das Wetter passt. Sei es einfach nur, um sich auf dem See treiben zu lassen und ab und an mal ins Wasser zu springen. Meiner Meinung nach gibt es nichts besseres, als einen Tag auf dem Wasser zu verbringen. Im Winter fahre ich gerne Ski, wenn es abends ruhig ist oder früh am Morgen. Ich gehe auch immer noch gerne Zelten. Ich bin einfach gerne draußen in der Natur, raus aus dem Alltag. Ich koche auch gerne draußen. Ich versuche also schon, so viel wie möglich draußen zu sein.

Bist du ein guter Koch?

Ich finde schon. Ich finde, ich schlage mich ganz gut. Ich hoffe, dass die Leute, die ich schon bekocht habe, zustimmen würden, dass ich ziemlich gut grillen kann. (grinst) Für mich ist es auf jeden Fall ok.

Auf der Webseite deiner Heimatstadt Craik wirst du immer noch präsentiert – mit einem Foto aus deiner Zeit bei den Calgary Flames – als Produkt des örtlichen Minor Sports Systems.

Wirklich? Das wusste ich nicht. Da haben sie vermutlich schon eine Weile kein Update mehr gemacht. (lacht) Nein, das ist wundervoll. Ich bin stolz darauf, wo ich herkomme. Ich lebe inzwischen nur knapp eine Stunde nördlich von Craik. Viele meiner Freunde sind noch da. Ich fahre immer noch sehr regelmäßig hin, um sie und meine Eltern zu sehen. Ich würde meine Herkunft für nichts auf der Welt eintauschen.

“Theo Fleury war immer schon mein Idol.”

Eins deiner Vorbilder in der Jugend war Theo Fleury, was einem erstmal ein wenig seltsam vorkommt, weil ihr allein von der Größe her sehr unterschiedlich seid. Was hat dich so fasziniert an ihm?

Zum einen hat er in Moose Jaw gespielt, wo ich auch in den Juniors gespielt habe. Dazu waren die Calgary Flames von klein auf mein Lieblingsteam. Er war immer schon mein Idol. Ich habe alle seine Hockeycards gesammelt. Ich war ein großer Fan von ihm. Moose Jaw veranstaltet im Sommer immer ein Golfturnier mit ehemaligen Spielern. Da nehme ich eigentlich immer teil. Er ist auch ziemlich oft da, also hatte ich die Chance, ihn persönlich kennenzulernen. Auch in Calgary haben wir uns ein paar Mal unterhalten. Es ist einfach beeindruckend, wenn man jemanden sieht, der es nicht einfach hatte im Leben, und es trotzdem entgegen aller Wahrscheinlichkeiten geschafft hat. Es ist toll, wenn man so jemanden dann auch noch kennenlernen durfte.

Du wurdest mal zu seinem Buch „Playing with Fire“ befragt, nachdem du es gelesen hattest. Damals hast du nur gesagt: „Unglaublich. Unglaublich.“ – Was daran hat dich so berührt?

Er hatte privat ein ziemlich chaotisches Leben, aber er war in der Lage, das komplett hinter sich zu lassen und auszublenden, sobald er die Arena betreten hat. Ich glaube, das Eisstadion war in gewisser Weise der einzige Ort, an dem er sowas wie Normalität gefunden hat. Das war so etwas wie sein sicherer Hafen, an dem er nicht über alles andere in seinem Leben nachdenken musste, sondern einfach Eishockey spielen konnte. Ein so schwieriges Leben zu haben und trotzdem eine solche Karriere hinzulegen, ist unglaublich. Hut ab dafür.

“Wusste nicht, was ich vom Draft zu erwarten hatte”

Die Tampa Bay Lightning haben dich gedraftet, bevor du deine herausragende Saison mit den Moose Jaw Warriors (85 Punkte, 35 Tore, 50 Assists in 72 Spielen) hattest. Offensichtlich hast du da schon vielversprechend ausgesehen. Wie hast du den Draft erlebt?

Das war toll. Ich wusste nicht, was ich vom Draft zu erwarten hatte. Ich war auch nicht vor Ort oder sowas. Ich war am See, als ich den Anruf von ihrem Scouting-Direktor bekam und er mir sagte, dass sie mich gedraftet hatten. Das war schon ziemlich cool. Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Profi-Eishockey. Das war schon ziemlich aufregend damals.

Und dass es ausgerechnet Tampa war?

Ich glaube, ich hätte mich über jedes Team gefreut, wenn sie mich gedraftet hätten. Tampa war schon ziemlich cool. Sie hatten ja damals gerade erst den Stanley Cup gewonnen. Es war schon ziemlich toll, von ihnen ausgewählt zu werden.

Aber es war immerhin dein Team – die Calgary Flames -, das sie damals im Stanley Cup Finale geschlagen haben.

(lacht) Nein, das war schon ok. Total ok. Ich war glücklich, ein Teil der Tampa Bay Organisation sein zu dürfen. Rückblickend kann ich auch sagen, dass man vorher gar nicht ahnt, wie gut man es da hat.

Die Bolts haben dich für fünfeinhalb Jahre in der Organisation behalten. Auch wenn du zwischen dem AHL-Team und dem großen Club hin- und hergewechselt bist, sagt das etwas über die Haltung der Organisation dir gegenüber aus. Was denkst du, was es war, das dich zu einem wertvollen Bestandteil der Franchise gemacht hat?

Ich hatte ein paar gute Jahre in der AHL, denke ich. Man konnte mich immer guten Gewissens ins NHL-Team berufen. Wenn ich zurückblicke, würde ich vermutlich nicht nochmal versuchen, in den Spielen mit dem NHL-Team so sehr auf Nummer sicher zu gehen. Manchmal ist man zu sehr bemüht, keine Fehler zu machen. Das verhindert, dass man alles zeigt, was man kann. Als ich jünger war, hatte ich manchmal Schwierigkeiten, an mich selbst zu glauben, wenn ich für das NHL-Team gespielt habe. Das war einfach so. Aber man lebt und lernt dazu. Es war eine gute Erfahrung. Sie sagen einem jedes Jahr, arbeite hieran oder arbeite daran. Dann kommt man jedes Jahr in bestmöglicher Verfassung zum Trainingscamp und versucht, es den Verantwortlichen so schwer wie möglich zu machen, einen ins Farmteam zu schicken. Und wenn sie einen ins Farmteam schicken, arbeitet man einfach hart, damit man der erste auf der Liste ist, der wieder hochberufen wird. Als Organisation haben sie jemanden wie mich vermutlich zu schätzen gewusst, der nicht aufgibt und immer weiter versucht, es zu schaffen, denke ich.

“Wenn ich es nicht über 100 mph schaffe, raste ich aus”

In 2010 hast du im AHL-Allstar Game gespielt und im Rahmen dieses Events den Wettbewerb um den härtesten Schlagschuss gewonnen. Der Schlagschuss ist heute noch eins deiner Markenzeichen. Wann hast du angefangen, den zu entwickeln?

Das hat vermutlich schon angefangen, als ich als Kind so viel Zeit in der Eishalle verbracht habe. Man wiederholt den Schuss wieder und wieder, lernt die Technik und ist sich vermutlich gar nicht bewusst, wie viele Pucks man über die Zeit so geschossen hat. Ehe man sich versieht, ist man ziemlich gut darin. Ich glaube, das hat sich einfach natürlich entwickelt, während ich aufgewachsen bin.

In meiner Vorstellung sah ich das Garagentor am Haus deiner Eltern, das mit unzähligen Puck-Einschlägen übersäht ist.

(lacht) Nein, nein. Man mag es kaum glauben, aber wir hatten gar keine Garage. Bei uns zuhause haben wir immer im Keller Schlagschüsse mit Tennisbällen geübt, wenn wir gerade mal nicht in der Eishalle waren. Mein Cousin und ich haben die Wände ziemlich heftig unter Beschuss genommen. Ein paar von den Dellen würde mein Vater inzwischen sicher lieber repariert haben. Und auch ein paar von den Schäden am Dach. (lacht) Das waren schöne Zeiten.

Weißt du noch, wie schnell dein Schuss bei dem Wettbewerb war?

Oh. (überlegt) Ich weiß, dass er schneller als 100 mph (161 km/h) war, weil man zwei Versuche hatte und mein erster Versuch 99,9 mph war. Und ich dachte, wenn ich es nicht über 100 mph schaffe, dann raste ich aus. (lacht) Ich glaube, der zweite Versuch war dann 100,7 mph oder sowas in der Richtung.

Was denkst du, an welcher Stelle der Rangliste sich dein Schlagschuss hier im Team einsortiert?

Keine Ahnung. Shawn Lalonde hat einen ziemlich guten Schuss. Aber in meiner Wahrnehmung bin ich seit damals schon noch stärker geworden. Aber wer weiß. Vielleicht war meine Technik damals auch besser. Ich habe keine Ahnung.

“Ich habe sehr gerne im Saddledome gespielt”

Wie besonders war es, zu den Calgary Flames getradet zu werden?

Das war ziemlich cool. Sie waren – wie gesagt – mein Lieblingsteam als Kind. Auch für meine Familie war es toll. Die Flames sind das NHL-Team, das am nächsten am Wohnort meiner Eltern liegt. Es war toll, dass sie zu so vielen Spielen kommen konnten. Außerdem war es natürlich ziemlich toll, in Kanada zu spielen. Da gab es so viel mehr Medienaufmerksamkeit. In Tampa waren nach dem Training zwei oder drei Journalisten da. In Calgary waren es vierzig. (lacht) Es war komplett anders. Ich habe sehr gerne im Saddledome gespielt. Das war ziemlich cool.

Dein Headcoach in Calgary war am Anfang Brent Sutter, der auch schon in Red Deer früher dein Headcoach war. Für dich also eine gute Situation zum Einstieg?

Tatsächlich hat er mich in den Juniors weggetradet. Als ich nach Calgary getradet wurde, dachte ich, oh, ok, schauen wir mal, wie es wird. (lacht) Er hat mich dann angerufen und gesagt, du wirst hier viel spielen, wir freuen uns, dich hierzuhaben. Die zweite Saisonhälfte – nachdem ich getradet wurde – hat wirklich Spaß gemacht. Unglücklicherweise sind er und die Flames nach der Saison getrennte Wege gegangen. Aber ich habe meine Zeit unter Brent sehr genossen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Dein erstes NHL-Tor für Tampa Bay war gegen die LA Kings, dein erstes Tor für die Flames war ein Overtime-Winner gegen die Anaheim Ducks. Du hast anscheinend gerne gegen Teams aus Kalifornien gespielt?

(lacht) Ich habe mich tatsächlich bei den Spielen in Kalifornien immer gut gefühlt. Da ist es immer schön sonnig. Aber sie hatten auch einfach immer gute Teams. Man musste also immer bereit sein, wenn man gegen sie gespielt hat. Beide Tore waren ein tolles Erlebnis. Natürlich ist es toll, wenn man für ein Team trifft, zu dem man getradet wurde und bei dem man ein positiver Faktor im Spiel sein möchte. Aber von seinem ersten NHL-Tor träumt man sein ganzes Leben lang. Ich will nicht sagen, dass es viel besonderer war, aber es ist schon besonders, weil man so lange davon geträumt und sich immer ausgemalt hat, wie es sein würde.

Du hattest in deiner Karriere eine Menge Fights und hast den Ruf, ein bisschen hitzköpfig zu sein. Unterschreibst du das?

Naja, manchmal ist es das, was man tun muss, wenn man seinen Platz im Team behalten will. Ich glaube, niemand bekommt gerne Faustschläge ins Gesicht. Man tut also sein Bestes, um das zu vermeiden, außer wenn man für einen Teamkameraden einstehen muss oder wenn man einfach einen schlechten Tag hat und ein bisschen Dampf ablassen will. Ich weiß nicht. Es ist nichts, was ich in der Zukunft noch oft machen möchte, aber wenn es passiert, dann passiert es eben. Ich weiß nicht, ob ich unbedingt hitzköpfig bin. Ich bin schon gerne wirklich im Spiel, aber ich versuche, nicht zu häufig aus der Haut zu fahren.

“Und dann brach der Fight los.”

Du warst bei dem berüchtigten Line-Brawl zwischen den Calgary Flames und den Vancouver Canucks dabei, als Bob Hartley eure vierte Reihe als Starting-Six rausgeschickt hat und John Tortorella die vierte Reihe der Canucks dagegen gestellt hat. Es kam, wie nicht anders zu erwarten: Mit dem ersten Bully ging der Fight los. Was war damals Hartleys Idee dahinter?

Tatsächlich hatte ich damals eine Knieoperation und es war mein erstes Spiel danach. Da stand dann hinterher eine Sekunde Eiszeit für mich auf dem Spielberichtsbogen, weil ich direkt zum Duschen geschickt wurde nach dem Fight. Das war also ein tolles erstes Spiel nach meiner Verletzungspause. (grinst) Uns wurde damals nach dem Morning-Skate gesagt, dass wir das machen würden – also, dass wir die Starting-Six sein würden und dass ein Fight passieren könnte. Ich glaube, es war McGrattan, der mich vor dem Eröffnungsbully gebeten hat, das Bully nehmen zu dürfen. Also haben wir die Plätze getauscht. Und dann brach der Fight los. Es war schon irgendwie lustig, bei sowas dabei zu sein. Als es vorbei war, waren wir in der Kabine und haben einfach nur noch gelacht. Das war ganz unterhaltsam.

Du hast beim Bully dann neben Dale Weise gestanden und ihr habt noch kurz gesprochen. Wolltest du sichergehen, dass er auch wirklich einwilligt?

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich ihn gefragt. Er hat dann auf andere Jungs in der Bully-Aufstellung gezeigt und meinte: „Ich glaube, die Jungs da werden fighten.“ Und ich sagte: „Ich glaube, wir werden alle fighten.“ Darauf meinte er: „Oh. Wirklich?“ Und ich sagte: „Ja.“ Das war ziemlich lustig.

Warst du noch in der Kabine, als John Tortorella dann in der ersten Drittelpause vor eurer Kabine aufgekreuzt ist?

Ja, ich bin noch Fahrrad gefahren oder sowas. Wir haben es auf dem Fernseher in der Umkleide verfolgt. Als Torts aufgetaucht ist, dachten wir, oh, das ist ja gleich nebenan! Und dann sind wir hingelaufen. Da war ein Haufen Leute, die sich gegenseitig angeschrien haben. (lacht) Es war wirklich lustig.

Du kanntest John Tortorella ja aus Tampa. Hat dich seine Reaktion überrascht?

Naja, er hatte schon Recht, ein bisschen sauer zu sein. Er ist ein emotionaler Typ. Er ist einfach eine ehrliche Haut und sagt, was er denkt. Er ist halt ein bisschen ausgerastet darüber, wie die ganze Sache abgelaufen ist. Aber so ist er einfach. Er hat sich da einfach nur für seine Spieler eingesetzt. Ich fand das in Ordnung.

“Alle haben das gleiche Ziel vor Augen”

In deinen letzten Jahren in Nordamerika hat sich deine Rolle ein bisschen geändert oder erweitert. Ab da haben dich Teams eingekauft, um Führungsspieler und ein Mentor für jüngere Spieler zu sein. Wie hast du diese Rolle angenommen?

Man macht einfach immer das beste aus jeder Situation. Besonders in Utica waren zwei gute Freunde von mir im Team. Da habe ich zwar nichtmehr die offensive Rolle gespielt, die ich mir gewünscht hätte, aber dafür habe ich mit meinen beiden guten Freunden zusammen gespielt. Wir hatten eine gute Zeit. Aber ja, wenn man älter wird, dann ist es gut, wenn man jüngeren Spielern ein paar Ratschläge geben kann, damit sie vielleicht schlechte Erfahrungen vermeiden können, durch die man selbst ohne fremde Hilfe durchkommen musste. Es fühlt sich gut an, das getan zu haben. Alle haben das gleiche Ziel vor Augen. Wenn ich jemandem helfen konnte, das nächste Level zu erreichen, dann ist das toll.

Ben Hanowski hat in seinem Interview erzählt, dass du wahrscheinlich derjenige warst, der sich in der Kabine während eurer gemeinsamen Zeit bei den Abbotsford Heat über das Weihnachtsfoto von ihm, Josh Jooris und Corban Knight lustig gemacht hat. Hat er Recht?

Das hat er gesagt? (lacht) Ich hoffe, dass ich es war! Aber ich bin gar nicht sicher, ob ich zu dem Zeitpunkt überhaupt da war. Aber er kann mir das gerne in die Schuhe schieben. Ich meine, ich mach schon gerne Späße über die Jungs in der Kabine. Und wenn sie Späße über mich machen, ist das auch vollkommen in Ordnung. Mir ist es wichtig, gute Laune zu haben. Mit schlechter Laune durchs Leben zu gehen, ist nicht der richtige Weg, glaube ich. Deswegen reiße ich Witze und mache Späße mit den Jungs. Wenn ich es schaffe, dass irgendjemand ein Lächeln im Gesicht hat – sei es, weil ich mich über denjenigen lustig gemacht habe oder über mich selber -, dann ist das toll.

Dein Spitzname war früher immer „Jonesy“. Jetzt gab es schon einen Jones in diesem Team, als du dazu kamst.

(lacht) Ich glaube, für mich ist es das dritte oder vierte Team, in dem es zwei Jones gab. Es passiert mir also nicht zum ersten Mal. Immer wenn hier jemand „Jonesy“ sagt, dann fühle ich mich angesprochen, auch wenn derjenige Ryan meinte, weil ich es so gewohnt bin. Die Jungs nennen mich manchmal „Bones“, damit es sich von „Jonesy“ unterscheidet. Manchmal aber auch einfach mit meinem Vornamen. Aber wir verstehen schon immer, wer gemeint ist.

Wir bedanken uns bei Blair Jones für das Interview.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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3 Kommentare

  1. Thomas
    10.01.2018

    Die Interviews sind immer sehr gut! Das Interview spiegelt in meinen Augen überhaupt nicht den Spieler wieder den ich auf dem Eis sehe. Finde ich auch mal ganz spannend. Er scheint ja viel Spaß gehabt zu haben.

    Spannend finde ich das er sich nicht als hitzköpfig sieht. Oder wenigstens nicht nicht mehr so sehr. Nehme man das Wolfsburg Spiel als Beispiel.

    Das beste ist… Ich glaube wir schlagen uns gleich alle.

    Gruß
    Thomas

  2. Strega
    10.01.2018

    Danke Henrike!

    Deine Interviews mit/von den Spielern sind so schön ehrlich und lebendig.
    Danke an dieser Stelle, für die wunderbaren Einblicke “hinter die Kulissen”.

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