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Über Hygienekonzepte zum Saisonstart – Die blockierte Liga

Die große Show in vergangenen Tagen. Foto: Basti Sevastos.
Die große Show in vergangenen Tagen. Foto: Basti Sevastos.

Rund 14 Tage ist es her, dass die „Task Force“ des deutschen Eishockeys ihr Hygienekonzept veröffentlichte. Das Zeichen an die Politik: Eishockey will spielen und die Sportart streckt sich, um das zu ermöglichen. Inzwischen muss man aber feststellen, dass sich noch mehr Rädchen drehen müssen, damit die DEL wieder starten kann. Wo steht die Liga und wo stehen die Kölner Haie aktuell? Woran hängt der Saisonstart und die Verpflichtung weiterer Spieler?

Die blockierten Zahnräder

Die Vorbereitungen auf die neue Saison laufen – und laufen doch nicht. Während die Spieler vielerorts – und auch in Köln – schon wieder auf dem Eis trainieren, ist auf anderen Ebenen Ernüchterung eingetreten.

Wenn man auf das Bild eines Uhrwerks zurückgreift, so ist an einigen Stellen Sand im Getriebe. Erst wenn Entscheidungen getroffen werden und diese Zahnräder sich wieder drehen, kann das gesamte System wieder laufen. Was bedeutet das in der Praxis?

Erst klare Termine, dann Kaderzusammenführung

Auch in diesem Jahr trainiert eine Trainingsgruppe der Haie den Sommer über in der KölnArena 2. Die ganze Mannschaft wurde aber noch nicht zusammengeholt. Die Kontingentspieler verbleiben noch immer in Nordamerika. Warum stockt dieses Zahnrad?

Wie auch aus anderen Standorten der Liga zu hören, so warten auch die Kölner Haie zunächst auf feste Termine. Etwa sechs Wochen vor dem noch nicht terminierten Saisonstart wollen die Haie den Kader komplett zusammenrufen. Uwe Krupp schob im vorgestrigen Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ der Liga den „schwarzen Peter“ zu und forderte Klarheit im Hinblick auf den noch nicht benannten Termin des Saisonstarts.

In Straubing etwa wartet man auf eine Entscheidung der CHL hinsichtlich der Termine, bevor man die Mannschaft zusammenholt. Vier Wochen vor dem ersten Spiel soll hier der Kader zusammengeholt werden. Das erklärte Gaby Sennebogen, Geschäftsführerin der Straubing Tigers, in einem ausführlichen Interview. Grundsätzlich wäre die Einreise der Spieler aus Kanada und den USA kein Problem, da sie über gültige Arbeitsverträge verfügen würden.

Die medizinischen Hürden wären negative Tests im Herkunftsland und in Deutschland binnen 48 Stunden. Die Aktivierung der Spieler hat auch eine finanzielle Dimension. Alle Spieler sind aktuell in Kurzarbeit. Mit der Aktivierung der gesamten Mannschaft dürfte dann auch die reguläre Lohnzahlung beginnen.

Termin-Diskussion um den Saisonstart

Den von Uwe Krupp geforderten Saisonstart zu terminieren vermied die DEL aber bisher. Über die Presse wurde die Verschiebung auf den 14.11.2020 vermeldet – den die DEL aber bisher nicht bestätigte.

Die Entscheidung über die Frage des Saisonstarts scheint noch in der Schwebe zu hängen. „Eine endgültige Entscheidung über einen geplanten Termin für den Saisonstart in der DEL fällt aber erst im Rahmen einer Direktoratssitzung Ende Juli oder Anfang August“, so Jürgen Arnold, Vorsitzender des DEL-Aufsichtsrates. 

Warum aber sträubt sich die DEL so, einen Termin zu verkünden bzw.: Warum stockt das zweite Rädchen? 

Ein Diskussionspunkt ist der für den DEB wichtige Deutschland Cup. Das vom 5.-8.11.2020 in Krefeld terminierte Turnier könnte den Saisonstart von Anfang nach hinten verschieben. Vermieden werden soll, dass die Saison nach wenigen Tagen bereits wieder für die Länderspielpause unterbrochen werden muss.

Entscheidend für den Deutschland Cup und den Saisonstart ist aber vor allem, ob in Krefeld – und an allen anderen Standorten – überhaupt gespielt werden darf.

Hygienekonzepte noch in der Erarbeitung

Verhindern könnte den Deutschland Cup sowie einen klar terminierten Saisonstart eine nicht rechtzeitige Fertigstellung und Genehmigung der lokalen Hygienekonzepte, welche die Grundvoraussetzung für die Genehmigung von Zuschauern bei Eishockeyspielen sind. 

Ein solches Konzept lag Anfang der Woche in Krefeld noch nicht vor. Daher kann es aus Krefeld noch keine Signale an den DEB geben, ob der Deutschland Cup überhaupt gespielt werden kann. Eine Austragung ohne Zuschauer scheint auch für den DEB nicht denkbar zu sein. 

Den Verantwortlichen in Krefeld einen Vorwurf zu machen, ist aber ungerecht. Obwohl das vom DEB vorgestellte Hygienekonzept ein großes mediales Echo produzierte, ist es nicht das einzige Konzept, welches die lokalen Verantwortlichen beachten müssen. 

Gaby Sennebogen erklärte, wie komplex die Erarbeitung der lokalen Hygienekonzepte sei. Insgesamt seien es fünf Konzepte auf über 220 Seiten, die die Clubverantwortlichen zu beachten hätten. Neben dem des DEB greifen der angehangene Leitfaden der DEL sowie ein weiterer Leitfaden für die Zulassung von Zuschauern, den die DEL gemeinsam mit der HBL, der HBL 2 und der BBL erstellt habe. Dazu müssen Vorgaben des VBG bezüglich dem Arbeitsschutz beachtet werden. Wahrscheinlich nur für das zentrale Vorbereitungsturnier wichtig: Ein 48-seitiges Betriebskonzept des ISS-Dome und des Castello in Düsseldorf. 

Lokale Behörden, lokale Probleme

Die Geschäftsführerin der Straubing Tigers stellt im Interview dar, dass sie bisher nicht einmal einen direkten Ansprechpartner auf Ämterseite habe identifizieren können, mit dem sie ein zu erstellendes Hygienekonzept besprechen könnte. Weiter betont sie, dass die Konzepte eben nicht als Blaupause zu nutzen sind, sondern lokal hoch-individuell ausgearbeitet werden müssen. 

Vor der Terminierung eines DEL-Starts müssen alle DEL-Clubs zunächst ihre Hausaufgaben machen und entsprechende lokale Genehmigungen erhalten. Das bedeutet: 14 Zahnräder, von denen keins mehr blockiert sein darf, damit das ganze System wieder laufen kann. Mit dem Finger auf die DEL zu zeigen, ist also nicht zielführend.

Wie unterschiedlich die Probleme vor Ort sein können, lässt sich am Beispiel der Zuschauer An- und Abfahrt erklären. Sennebogen betont, dass in Straubing fast alle Fans mit dem PKW oder dem Fahrrad zur Arena kommen, was im Hinblick auf die Genehmigung eines Hygienekonzepts sehr vorteilhaft sei. Wenn man an die An- und Abreise der Fans zur perfekt an den Nahverkehr angeschlossene Kölner Arena denkt, kann man hieraus im Umkehrschluss eine große Baustelle des KEC ableiten.

Eishockeyspiele besuchen mit Hygiene-Konzept: Wo siehst du dich da?

Dass am vergangenen Mittwoch ein zweiter Spieler der Kölner Haie positiv auf Covid19 getestet wurde, zeigt, dass die Kontrollmechanismen des KEC funktionieren. So schlecht ein positiver Test natürlich ist, demonstrieren die Haie hiermit jedoch den Ämtern vor Ort, dass verantwortungsvoll mit den Maßnahmen des Gesundheitsschutzes umgegangen wird. Das professionelle Verhalten ist im Hinblick auf die erhofften Genehmigungen grundsätzlich positiv. 

Erst genehmigte Konzepte, dann weitere finanzielle Planung möglich

An der Genehmigung der Konzepte hängt auch die weitere Kaderplanung an den Standorten. Jeder DEL-Club hat seinen eigenen Finanzierungsmix. Je nachdem, welche Zuschauerzahlen durch die Behörden genehmigt werden, variiert der finanzielle Spielraum der Clubs. Nur: Mit welchen Zahlen können die Clubs rechnen?

Sennebogen stellt heraus, dass für die Liga zugelassene Zuschauerkapazitäten von „10-15% im Raum stehen.“ Im Moment seien ausschließlich Sitzplätze und keine Stehplätze zu besetzen. Entgegengesetzt veröffentlichte die EishockeyNews in dieser Woche eine Berechnung, die Sitzplätze und Stehplätze beinhaltete. Für Köln wurden dort 8.350 Sitzplätze und 600 Stehplätze für insgesamt 8.950 Zuschauer berechnet. Erst lokal genehmigte Konzepte können Klarheit in dieser Frage schaffen und die Spekulationen beenden.

Die Unsicherheit, wie viele Fans zu den Spielen zugelassen werden, führt zu im Eishockey noch nie vorgekommenen Vorgängen. So begrenzten die Kölner Haie die Anzahl der verkauften Dauerkarten auf 5.100, die Adler Mannheim auf 4.000. 

Der weitere Finanzierungsmix enthält bereits feststehende Zahlungen, wie die Einnahmen aus der TV-Vermarktung und des neuen Ligen-Sponsorings. Daneben stehen die klar zu berechnenden Einsparungen von 25% der Spielergehälter, sofern der Vorjahresumsatz nicht erreicht wird. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Variablen. Etwa: Wie hoch der konkrete Betrag sein wird, den jeder Club aus dem 200-Millionen-Hilfspaket des Bundes für den Sport erhalten wird. Gemäß Sennebogen ist auch hier aktuell für den jeweiligen Club noch keine konkrete Summe benennbar.

Alle Unklarheiten sind wiederum Zahnräder, die stocken und die verhindern, dass das große Zahnrad „Kaderplanung“ weiter vorwärts drehen kann. 

Kaderplanung im Ruhemodus

Bereits im Vorfeld der Erteilung der DEL-Lizenz mussten die Haie „nachsitzen“. Als Grund führten Medien damals das Finanzierungsmodell der Finanzierung von weiteren Spielern über externe Sponsoren an.

Für die Haie bedeutet das, dass sie sich aktuell grundsätzlich auf dem Markt umgucken, aber noch nicht tätig werden. „Theoretisch“, so Krupp im Interview des Kölner Stadt-Anzeigers, „könnten (wir) mit dem Kader so, wie er jetzt ist, schon spielen.“ Krupp betont aber, dass „der Markt besteht“ und Spielervermittler „täglich“ Spieler anbieten würden. 

Er geht auch davon aus, dass nicht alle noch offenen Positionen mit ausländischen Spielern besetzt werden würden. Es würden die „notwendigen Maßnahmen“ getroffen, um eine gute Mannschaft zu haben. Es würden „ein paar Spieler“ aus dem Nachwuchs eingebaut und so bliebe „etwas Handlungsfreiheit, wenn wieder gespielt wird.“ Man werde „sehen, wo wir stehen“, aber erst wenn wieder gespielt wird und könne „dann den Umständen entsprechend reagieren.“ 

Aus diesen Worten spricht vorsichtiges finanzielles Handeln, nicht das Greifen nach den Sternen. Eine Einstellung, die in diesen Zeiten nicht falsch sein kann.

Die Standorte konsolidieren sich

Auch an anderen Standorten hat man seine individuellen Geldsorgen, die nach und nach an die Oberfläche kommen. So stocken in Krefeld die Verhandlungen rund um die Vertragsauflösungen für Pietta, Östlund und Beaulieu. Auch, weil die Spieler teilweise in der Corona-Krise keinen neuen Verein finden. Gleichzeitig laufen ihre Verträge aber regulär weiter und belasten so den Etat der Pinguine. Keine gute Basis für neue Verpflichtungen. 

In Berlin zog die Entlassung von Pressesprecher-Urgestein Daniel Goldstein ungläubige Gesichter nach sich. Der Rotstift der Anschütz Entertainment Group setzte sich wohl durch; “Restrukturierungen” im Club wurden angekündigt.

Steht die ganze Saison auf der Kippe?

Bemerkenswert und durchaus schonungslos muss man die Aussage Uwe Krupps sehen, der sagt, dass die Haie „ erst einmal ab(warten), ob wir definitiv einen Saisonstart haben werden“, bevor man weitere Spieler verpflichtet: „Wir werden erst den nächsten Schritt machen, wenn wir wissen, dass auch die Liga ihn macht.“ Und weiter: „Man kann jetzt erwarten, dass die Liga tätig wird und uns bestätigt, dass wir spielen und einen Spielplan herausgibt.“

Wie schon dargestellt, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Liga bewegt, aber grünes Licht aus allen Standorten. Die von der DEL zuletzt erteilte Lizenz garantiert grundsätzlich eine stabile finanzielle Planung. Im zweiten Schritt müssen die Clubs nun zu genehmigten Zuschauerzahlen kommen, die seriös die Kosten zu decken. Finanzielle Bürgschaften von Gesellschaftern könnten Verluste ausgleichen, sind aber keineswegs selbstverständlich.

Ohne grünes Licht von jedem Standort, wird die DEL keinen Spielplan entwerfen (können). Jedes einzelne Zahnrad muss drehen, damit das Uhrwerk wieder läuft.

Was passiert, wenn sich herausstellt, dass nicht an allen Standorten finanziell sicher geplant werden kann, wird sich (hoffentlich nicht) herausstellen. Als Gedankenspiel taugt hier aber der KHL-Club Admiral Vladivostok. Der aktuelle Club von Ex-Hai Shawn Lalonde gab früh in der Corona-Krise bekannt, dass er die kommende Saison aussetzen wird. Vladivostok hofft, in der Saison 2021-2022 wieder mitspielen zu dürfen.

Über den Autor: René Guzmán

René hat Haimspiel.de 2003 zusammen mit Dennis gegründet. Mit Tobias hat er die allererste Radioübertragung aus Iserlohn gesendet. Er war Mitglied des Vorstandes des KEC "Die Haie" e.V., 2010 war er an der Organisation der Ausstellung "Powerplay - Eishockey in Köln" zur Eishockey-WM im Deutschen Sport und Olympia-Museum beteiligt, hat seine Staatsexamensarbeit zum Thema "Eishockey in Deutschland bis 1945" verfasst und z.B. das "Wir sind Haie!"-Logo und das Logo des Haie-Fanprojekts entworfen.

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