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Die den Unterschied machen sollen

Chris Minard, Jamie Johnson und Mike Iggulden nach einem Torerfolg gegen den ERC Ingolstadt. Foto: Andreas Dick
Chris Minard, Jamie Johnson und Mike Iggulden nach einem Torerfolg gegen den ERC Ingolstadt. Foto: Andreas Dick

Die Kölner Haie stecken mitten in einem Langzeit-Charaktertest. In den letzten Servus-TV-Übertragungen wurde der mangelnde Mannschaftsgeist in den Reihen des KEC wiederholt angesprochen. Sollte das der Fall sein und es womöglich „faule Äpfel“ im Kader geben, dann hat das jedes Potenzial, für ein frühes Saisonende für die Haie zu sorgen.

Im Interview mit der BILD gab Kapitän John Tripp an, man müsse sieben der verbleibenden elf Spiele gewinnen, um es in die Playoffs zu schaffen. Er spricht außerdem davon, dass man dafür mehr Konstanz ins Spiel bringen muss. Dem ist nicht zu widersprechen, aber das würde auch verlangen, dass alle die gleiche Ernsthaftigkeit und den gleichen Ehrgeiz aufs Eis bringen. Das stellt sich in der Wahrnehmung derzeit anders dar, obwohl die Playoffs für die Haie im Grunde längst begonnen haben.

„Your best players have to be your best players“ – ein Grundgesetz nicht nur im Eishockey. In einer Liga mit einer Begrenzung der ausländischen Import-Spieler definiert sich die Leistungserwartung ein Stück weit über den Pass. Überdurchschnittlich talentierte Deutsche wachsen nicht auf Bäumen. Wer also als Ausländer in die DEL kommt, von dem wird erwartet, einen Unterschied zu machen. Besonders wenn man das Salär und die Eiszeit in den Top-Formationen bekommt. Was die sogenannten Leistungsträger im Team der Haie zeigen, erfüllt diesen Anspruch in dieser Saison bislang schlicht und ergreifend nicht.

Kritik ist an vielen Stellen im Team angebracht. Angefangen bei den inkonstanten Leistungen im Tor. Danny aus den Birken ist derzeit in den Fokus gerückt, weil er sich zu regelmäßig weiche Tore fängt. Während der Aufholjagd im Dezember hat er in Koorperation mit der Defensive gewährleistet, die Haie im Spiel zu halten. Von einem Starting-Goalie einer Mannschaft mit öffentlich kommunizierten Titelambitionen wird aber erwartet, dass er seinem Team auch mal Spiele gewinnt, selbst wenn seine Vorderleute nicht adäquat funktionieren. Die Stimmen aus den Reihen der KEC-Anhängerschaft, die mit aus den Birkens Qualitätsniveau nicht zufrieden sind, mehren sich. Dass kein Goalie der Welt über eine komplette Saison gleichbleibend gute Leistungen bringt, ist unbestritten. Allerdings sind die souveränen Auftritte in dieser Saison eher rar gesät. Problematisch ist das in erster Linie, weil er in Sebastian Stefaniszin keinen Back-Up hat, der das Vertrauen der Coaches genießt, um für ein paar Entlastungs-Einsätze in Frage zu kommen. Auf der Torhüter-Position sind die Haie derzeit eine Verletzung weit von einem Desaster entfernt. Fiele aus den Birken aus, müsste ein völlig kalter Stefaniszin mit aktuell gerade mal 116 Minuten Spielpraxis in die Bresche springen. Das wäre selbst für einen Goalie mit besseren Anlagen eine enorme Herausforderung. Ein Spiel mit dem Feuer.

Aus den Birken hatte aber durchaus auch Anteil an der guten Bilanz im Dezember und am insgesamt überdurchschnittlich guten Gegentorschnitt. Besser geht immer, aber man ist zumindest bei der Musik, was die Defensive angeht. Im finstersten Tabellenkeller findet man sich allerdings in der Torausbeute. Während ein Philip Gogulla nach seiner torarmen letzten Saison wieder in die Scoring-Spur gefunden hat, bringt der Teil der Mannschaft, der explizit fürs Toreschießen eingekauft ist, die Leistung nicht aufs Eis. Am auffälligsten ist das beim ehemaligen KEC-Toptorjäger Chris Minard zu beobachten.

Ein Blick zurück: Als Minard zur Saison 2012/13 nach Köln kam, hatte er zu kämpfen. Konditionell nicht auf einem Stand mit dem Rest der Mannschaft, hat er sich in die Spiele beißen müssen – und tat es. Zu Beginn seiner zweiten Saison in Köln trat er in deutlich besserer Verfassung auf und genoss es sehr, von der Saisonvorbereitung an mit Andreas Falk zusammen Vollgas geben zu können, wie er im Interview seinerzeit bestätigte. Er hatte den Sommer über Gewicht verloren, an seiner Schlittschuhtechnik gearbeitet und den auferlegten Sommerfitness-Plan auf den Punkt eingehalten. Was er versprühte, war pure Motivation. Was er auf dem Eis zeigte, war eine Präsenz weit über das reine Auftauchen in der Scorerliste hinaus. Es gehörte zu seinen Markenzeichen, dem Gegner unter die Haut zu gehen, zu provozieren, für Unruhe zu sorgen. Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, den gegnerischen Goalie nach einem Save noch seine Anwesenheit spüren zu lassen. Diese Art des Spiels war einer der Hauptgründe dafür, dass er die Herzen der Fans im Sturm erobert hat. Ein kleines bisschen Alex Hicks war mit ihm in den Kader der Haie zurückgekehrt.

Von all dem ist in dieser Saison so gut wie nichts mehr zu sehen. Nicht nur seine Trefferquote ist massiv gesunken, auch seine anderen Qualitäten, die ihm in den letzten beiden Jahren nach eigener Aussage geholfen haben, in die Spiele zu kommen, sind weitestgehend verblasst. Seine Knieverletzung zu Beginn der Saison hat ihn sicherlich gebremst und zurückgeworfen, aber auch nach seiner Genesung hat er nie wieder zu dem zurückgefunden, was ihn in den letzten beiden Jahren effektiv und zu einem Faktor im Spiel gemacht hat. An dieser Stelle ist die Frage erlaubt, ob das am Können oder am Wollen liegt. Für eine Verlängerung seines am Ende dieser Saison auslaufenden Vertrages empfiehlt er sich mit seiner Leistung sicher nicht.

Jamie Johnson kam zur aktuellen Saison, um der bessere Center als Andreas Falk für Chris Minard zu sein. Er kam, um die Lücke zu füllen, deren Existenz ein Rob Collins in den letzten Playoffs aufgezeigt hat: den Mangel an einem spielstarken, kreativen 1. Reihe Center. Vielleicht waren die Schuhe von Anfang an zu groß für Johnson. Die Rolle, für die er eingekauft wurde, füllt er jedenfalls nicht aus. Dass er sich zudem launisch und schwankend in seinem Einsatz zeigt, obwohl auch sein Vertrag am Ende der Saison ausläuft, macht es nur schlimmer. Die Hoffnungen ruhten bei seiner Verpflichtung aber auch darauf, dass er in der Vergangenheit bereits eine gute Chemie mit Chris Minard bewiesen hat. Sie sind neben dem Eis beste Freunde und haben in gemeinsamen Einsätzen in Nordamerika bestens funktioniert. Das enge Band zwischen den beiden ist auf dem Eis zwar durchaus zu spüren, hat aber zu keinem Zeitpunkt Torerfolge in erhofftem Ausmaß gebracht. Für eine ursprünglich nominell erste Reihe ist das zu weit unter dem, was die ersten Reihen der meisten anderen Clubs der Liga abliefern. Sie machen derzeit den Unterschied aus, allerdings in die falsche Richtung.

Die zweite Reihe mit Andreas Falk und Philip Gogulla hat durch Ryan Jones enorm gewonnen. Auch wenn Falk nicht unbedingt in die Kategorie „kreativer Spielmacher“ fällt, so nutzen diese drei im Zusammenspiel zumindest ihre Vorzüge aus. Schaut man in die Regionen der hinteren beiden Reihe, dann findet sich Stabilität generiert von Charlie Stephens in Reihe drei. Wo mangelnde Konstanz aktuell ein großes Thema in der Mannschaft ist, macht der kanadische Center seine Arbeit mit großer Zuverlässigkeit. Eine Bank im Kader der Haie, egal an welcher Stelle und mit wem er eingesetzt wird. Aber es hat natürlich auch eine große Aussagekraft, wenn der 3. Reihe Center die zuverlässigste Größe unter den Ausländern ist.

Die vierte Reihe als das zu akzeptieren, was sie ist (nämlich eine vierte Reihe), fällt vor dem Hintergrund der vergangenen Jahre ein wenig schwer. Wenn man einmal den Luxus einer energiegeladenen Formation mit jeder Menge Torgefahr wie zu Zeiten von Riefers-Ticar-Ohmann hatte, dann liegt die Messlatte für die Nachfolger hoch. Gelegentlich lebt sie wieder auf, wie zuletzt während der zwei Spiele Sperre von John Tripp, als Sebastian Uvira, Nick Latta und Maxime Sauvé gemeinsam zauberten. Tripp selbst, der mit Alexander Weiß und Charlie Stephens in der vergangenen Saison noch eine gute bis sehr gute dritte Reihe bildete, genießt offensichtlich nicht mehr das uneingeschränkte Vertrauen des Trainers. Sein Einsatz in der vierten Reihe, die er nicht besser macht und ihr den Status der unberechenbaren, quirligen „jungen Wilden“ nimmt, wirft die Frage auf, wieviel seiner Eiszeit er seinem deutschen Pass zu verdanken hat.

Was zudem ins Gewicht fällt, ist die mehr als magere Torausbeute der Offensivverteidiger. Andreas Holmqvist, der nach seiner Verletzung unermüdlich Scheiben Richtung Tor bringt, erzielte erst in seinem 22. Spiel der Saison seinen ersten Treffer. Alexander Sulzer, den ebenfalls Verletzungen wieder und wieder zurückwarfen, kommt in seinen bisherigen 33 Spielen auf nur fünf Tore, von denen er zwei im Powerplay schoss. Daniel Tjärnqvist, der in seinen ersten beiden Jahren zumindest für den einen oder anderen Treffer gut war, nimmt deutlich weniger Schüsse als in der letzten Saison und hat ebenfalls erst ein Tor zu verbuchen.

Die fehlenden Tore addieren sich in dieser Saison quer durch die Mannschaft auf. Aber genauso, wie von einem Starting-Goalie erwartet wird, Spiele nicht nur nicht zu verlieren sondern auch zu gewinnen, wird von einer ersten Sturmformation erwartet, den Großteil der Tore beizusteuern und in akzeptabler Zuverlässigkeit abzuliefern. Viele Kritiker bescheinigen Danny aus den Birken, nicht die Fähigkeiten und das Können zu haben, um besser zu spielen, als er das aktuell tut. Selbiges lässt sich für die 1. Reihe nicht als Entschuldigung ins Feld führen. Schon gar nicht, wenn alle Beteiligten in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie zu deutlich mehr in der Lage sind, als sie aktuell zeigen.

Die derzeit immer wiederkehrende Frage ist, wo all diese Nicht-Leistungen einzelner Mannschaftsteile in dieser Saison hinführen. Im Vergleich mit der starken Konkurrenz in dieser Saison wird wohl niemand mehr die Kölner Haie zum Kreis der Titelkandidaten zählen. Darüber nachzudenken, wie weit man es dennoch in den Playoffs bringen kann, ist aktuell auch schon einen Schritt zu weit. Laut Rechnung von Kapitän John Tripp braucht es sieben Siege aus den letzten elf Spielen. Es müsste sich auf den letzten Metern der Hauptrunde einiges ändern, wenn man darauf schon bauen wollte. Ein Anfang wäre, wenn alle das spielen würden, was sie können. Und sollte der Mannschaftsgeist wirklich verloren gegangen sein, dann sollte der schnellstens wiedergefunden werden. Mit Führungsspielern wie einem John Tripp sollte das ja möglich sein.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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