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Das Dilemma um Reinhart

Max Reinhart beim Warmup in Iserlohn während der Saisonvorbereitung 2016. Foto: Alex Schmitz
Max Reinhart beim Warmup in Iserlohn während der Saisonvorbereitung 2016. Foto: Alex Schmitz

Als Transfer-Hammer hat haimspiel.de Max Reinhart im Sommer beim KEC angekündigt. Andere Medien schrieben ebenfalls von einem “Transfer-Coup” und dem “NHL-Star”. Der Bruder vom – wirklichen – NHL-Star Sam Reinhart hatte in Köln unterschrieben. Das Besondere: Er war kein alter NHL-Haudegen, bei dem die Gefahr bestand, die letzten aktiven Profijahre gemütlich in Deutschland ausklingen zu lassen. 24 Jahre alt und 163 Punkte in 276 AHL-Spielen (0,59 Punkte pro Spiel), aber seine Motivation wurde auch zu einem großen Druck für ihn. Reinhart will sich für die NHL empfehlen.

Spielerische Qualität vorhanden

Reinhart wurde nachgesagt, dass er für eine Seniorenliga nicht körperlich genug spielt und sich in den Zweikämpfen nicht durchsetzen kann. Dies wollte er mit seinem DEL-Engagement beweisen und entschied sich für den Wechsel nach Deutschland. In den ersten Spielen zeigte er durch spielerische Qualitäten, dass er sich durchsetzen und die Scheibe behaupten kann. Mehrmals setzte er seine Mitspieler in Szene, die aber reihenweise – größtenteils alleinstehend vor dem gegnerischen Tor – die Chancen vergaben.

Hier fängt auch das Dilemma des Stürmers an: Auf die Punkte bezogen lief Reinhart seinen eigenen Ansprüchen hinterher. Besonders seinem Ziel, sich über die DEL für die NHL zu empfehlen. Er bewies keinen Scoring-Touch, obwohl er seine Mitspieler in Szene setzte. Seitdem ist eine Tendenz zu beobachten, die nicht mannschaftsdienlich, aber verständlich ist: Der 24-jährige versucht selbst Situationen zu lösen, verzichtet aber im Zweifel auf den Pass und schießt selbst. Viele Schüsse sind aus ungefährlichen Winkeln und stellen keine Gefahr dar. Mit 67 Schüssen aufs Tor gehört er zu den Top3-Spielern der Haie: Lalonde mit 71 Schüssen und Jones mit 63 Schüssen sind auf einem ähnlichen Niveau. Die Qualität zeigt allerdings ein anderes Bild: In der Schusseffizienz ist Reinhart aber mit Abstand der schlechteste Stürmer mit 4,48% (3 Tore) der Kölner Haie. Im Vergleich: Lalondes Effizienz ist doppelt so hoch (8,45%), Jones zeigt mit 17,46% sogar einen vierfach höheren Wert auf.

Reinhart nicht besser als Aslund?

Erste Rufe im Haie-Umfeld werden laut, dass er der “neue Aslund” ist. Aslund hatte in der letzten Saison in 49 Spielen 7 Tore und 10 Vorlagen (17 Punkte, 0,37 Punkte / Spiel) erzielt. Er galt als das Missverständnis der letztjährigen Transfers und fühlte sich nicht wohl in Köln. Familiäre Probleme wurden immer wieder als Grund genannt.

Gilt das bei Reinhart auch? Nein. Seine Tendenz war in den letzten Spielen wieder steigend. Im Zweifel sucht er zwar selbst noch den Schuss, konnte aber sein Punktekonto verbessern. Mit aktuell 3 Toren und 11 Vorlagen (14 Punkten) wird er nicht nur zum Ende der Saison deutlich über Aslund liegen bei gleichbleibender Ausbeute, sondern bestätigt auch seine AHL-Leistung. In dieser Kategorie ist er bei 0,58 Punkten pro Spiel und liegt damit nur 0,01 Punkte hinter seinen AHL-Werten (0,59 Punkte). Bei gleichbleibender Leistung (und ohne Spielausfall) würde er zum Ende der regulären Saison 30 Punkte erzielen und zu den Top5-Scorern der Haie gehören.

Ein besonderer Wert: 2 seiner 3 Tore waren die spielentscheidenden Treffer (66%).

Als Vorbild die letzten fünf Spiele

Auch die 30 Punkte werden Reinhart zum Saisonende nicht zufrieden stellen. Er wird seine Chancen sicher nicht höher einschätzen, wenn er beim KEC lediglich die Top5 ausfüllt. Seine Rolle beim KEC war sicher auch als Top3-Kandidat eingeplant. Sein Verhalten in den nächsten Spielen wird also weiter spannend bleiben.

Nimmt man die letzten fünf Spiele zu Rate, ist ein Aufwärtstrend erkennbar: 1 Tor und 4 Vorlagen. 1,00 Punkte pro Spiel. Wenn Reinhart den Trend aufrecht erhalten kann, füllt er die Rolle als wichtiger Schlüsselspieler des KEC aus.

Transferpolitik nicht geglückt?

Trotzdem entstanden immer wieder Diskussionen, ob der Transfer ein Fehlgriff der sportlichen Leitung war oder nicht. Oftmals werden Begriffe wie “NHL-Rückkehrer” oder “Abzocker” genannt. Weder zu der einen noch zur anderen Kategorie gehört er. Reinhart ist mit 24 Jahren ein Spieler, der sich entwickelt und nicht über dem Zenit seiner sportlichen Karriere steht. Schwierig ist die Situation einzuschätzen, wem ein Vorwurf gemacht werden kann. Spieler, die sich für die NHL empfehlen wollen, sind motiviert und wollen Leistung zeigen. Aus der Sicht hätte es eine WIN-WIN Situation für Club und Spieler geben können. Reinhart zeigte aber auch in Ansätzen, dass der daraus resultierende Druck zu groß werden kann: ist der Spieler mit sich unzufrieden und sieht die Rückkehr nach Nordamerika gefährdet, gibt er sich entweder auf oder möchte zu viel. Letzteres konnte bei Max Reinhart beobachtet werden. Also doch zukünftig wieder in Spieler investieren, die über ihren sportlichen Zenit heraus sind in der Hoffnung, dass sie noch genügend Leidenschaft haben, um auch auf europäischen Eis gewinnen zu wollen?

Beide Varianten zeigen ein Risiko auf, das nicht auszuschließen ist. Umso deutlicher wird der Glücksfall Ryan Jones, der ein Alter zur weiteren Entwicklung mitgebracht hat, aber genau wusste, dass er sich in Deutschland beweisen muss für die deutschen Clubs und das europäische Eishockey. Dies ist aber von einem 24-jährigen Stürmer wie Reinhart in der Situation zu viel verlangt.

Über den Autor: Dennis Wegner

Dennis gründete gemeinsam mit René im Sommer 2003 haimspiel.de und betreut die Seite bis heute als 1. Vorsitzender. Außerdem war er zwischendurch für das Haie-Fanprojekt tätig, hat mit dem Team und der Fanszene "Wir sind Haie" ins Leben gerufen und die Flyeraktion "Köln ohne Haie?" mit großem medialen Echo organisiert.

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5 Kommentare

  1. Dagi
    10.12.2016

    Man darf auch nicht vergessen, dass die Umstellung auf die große Eisfläche nicht jedem schnell gelingt. Ich finde Max hat sich langsam aber gut entwickelt und er wird garantiert noch viel besser. Man darf nicht immer alles verdammen, was nicht sofort klappt.

  2. Achim Spahn
    10.12.2016

    Super Analyse, Dennis. Dem ist nichts hinzuzufügen.

  3. Marius W.
    10.12.2016

    Für mich ist er ein guter DEL Spieler mit noch zusätzlichem Potenzial und gutem Alter. Ich sehe die Situation auch anders als wie bei Aslund.

  4. Markus
    11.12.2016

    Ich interpretiere diese Statistiken grundsätzlich anders. Ich denke, da ist wesentlich mehr Glück und Pech dabei und viel weniger Form oder Trend. In den letzten 5 Spielen hat er 17 Schüsse abgegeben. Das sind meiner Meinung nach viel zu wenige um wirklich eine Aussage über Trends oder sogar die Qualität des Spielers zu machen – unabhängig davon ob die jetzt drin sind oder nicht.

    AHL und DEL 1:1 zu vergleichen, halte ich auch für schwierig. Vor allem wenn man es in Form von Punkten pro Spiel macht ohne Eiszeiten, (durchnittliche) Torhüterleistungen oder Rollen im Team zu kennen.

    Jones hat 4 Powerplaytore. Ohne die 4 wäre seine Schusseffizienz bei 11%, was wohl realistischer ist. Also ich gehe fest davon aus, dass sowohl Jones als auch Reinhart nicht so weitermachen werden und sie sich beide etwa in der Mitte treffen werden. Jones hat dann immernoch mehr Tore als Vorlagen, aber Reinhart hätte dann mehr Punkte als Jones. Sehr schade, dass es in der DEL keine Eiszeiten oder richtige Torschussstatistiken gibt. Sowas wie Punkte pro 60min bei 5 gegen 5 wären aufschlussreicher und dann sähe es schon etwas anders aus.

    Ich bin gespannt wie es Ende der Saison aussieht, könnte mir gur vorstellen, dass Reinhart noch 2. bester Scorer der Haie wird.

  5. Thomas
    11.12.2016

    Also ganz so leicht mache ich mir das nicht. Aslund und Reinhart sind ganz andere Spielertypen. Aslund hatte mehr Erfahrung. So gut wie nie ein Auge für seine Mitspieler und bei ihm stimmte die Chemie mit seinen Mitspieler sogut wie nie.
    Was bei Reinhart bis jetzt ein Problem ist, das ist sein Timing. Wann mache ich etwas. Oft werden hier noch falsche Entscheidungen getroffen. Er ist aber noch jung, und auch ein Gogulla war mit 25 noch weit von der Form jetzt entfernt. Reinhart ist in meinen Augen technisch extrem stark. Die Entwicklung in den letzten Spielen ist aber ein stark steigender Trend. Ja er schießt aus ungünstigen Winkeln. Aber was soll der Mann denn machen wenn es selten BESSERE Alternativen gibt? Ja seine Schüsse sind noch nicht sehr platziert, aber an sowas kann man Arbeiten.

    Ihn sehe ich aber bei weitem derzeit nicht als schlechtesten Haie Spieler. Da fallen mir auf anhieb direkt 2 andere ein die mir garnicht gefallen. Ich bin ehrlich, ich habe mir von ihm auch mehr erwartet, aber sein Potenzial sucht in meinen Augen, in dieser Liga seines gleichen. Und ich sehe lieber Reinhart hier weiter, als andere Spieler. Ihm fehlt noch die Konstanz in seinem Spiel. Sollte das aber kommen, dann ist die NHL ganz schnell auf dem Schirm.
    In Köln werden immer gleich Spieler erwartet die 50 Scorer Punkte die Saison drauf haben. Das ist aber unrealistisch.
    Gut ich sehe gerne wie sich Talente entwickeln. Und hier bietet sich eine Chance bei der ich wohl der einzige bin, der das so sieht. Pfohl, Flaake, Furchner, Hospelt wollte man hier in Köln ja auch nicht entwickeln, nur um das nochmal allen klar vor Augen zu führen.
    Auf ihm lastet hier ein massiver Druck. Die Fans sind unzufrieden, die NHL im Hinterkopf, und manchmal vielleicht auch nicht immer Teamkollegen die es auch nicht besser gemacht hätten.

    Gruß
    Thomas

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