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Die neue Dynamik im Haie-Tor: Zwischen Emotionen und Kalkül

Justin Peters im Training der Kölner Haie. Foto: Robert Heppekausen.
Justin Peters im Training der Kölner Haie. Foto: Robert Heppekausen.

Update: Nach haimspiel.de-Informationen hat Justin Peters einen Vertrag bis Saisonende unterschrieben. Dshunussow soll außerdem am Freitag gegen Ingolstadt im Tor der Haie stehen.

Dass die Haie am Mittwoch die Verpflichtung eines Torhüters bekanntgaben, kam wahrlich nicht überraschend. Seit der Verletzung von Gustaf Wesslau war dies eigentlich nur eine Frage des „wann“ und des „wer“, aber keine des „ob“. Die guten Vorstellungen der bisherigen Nummer Zwei im Haie-Tor, Daniar Dshunussow, und der vielleicht etwas überraschend große Name des nun vorgestellten Neuzugangs Justin Peters machten aus einer Selbstverständlichkeit aber nicht nur in Fan-Kreisen eine ziemlich heiß diskutierte Personalie. Haimspiel.de wägt potentielle Vor- und Nachteile gegeneinander ab.

Minus: Ein Rückschlag für die Wohlfühl-Geschichte des Daniar Dshunussow

Auf der einen Seite ist es leicht, die emotionale Sicht zu verstehen, die in vielen Kommentaren in den sozialen Medien zur Geltung kam: man hat Daniar Dshunussow die jüngsten Erfolge ganz einfach gegönnt. Der 31-jährige Backup zeigte sich in seinen ersten zwei Jahren mit seiner freundlichen und bescheidenen Art als perfekter Teamspieler. Nachdem er in seiner ersten Saison mit dem Hai auf der Brust kurz vor den Playoffs sogar kurz zum Playoff-Retter wurde als Gustaf Wesslau ausfiel, lief es in seiner zweiten Saison extrem unglücklich. Seine Mitspieler stellten sich schützend vor ihn – anders als in den drei Spielen, die er 2016-17 bestritt –, doch bereits im Frühjahr diesen Jahres gab es Gerüchte, dass die Haie an einem weiteren Torhüter interessiert seien. Bei den Saisonabschlussgesprächen sprach Dshunussow mit dem Trainerteam über eine aus seiner Sicht passende Anzahl an Einsätzen in der neuen Spielzeit und was der Coach im Gegenzug von ihm sehen wollte. Die diskutierte Zahl der Spiele behielt der Goalie Haimspiel gegenüber aber für sich, da er durch die Presse keinen zusätzlichen Druck auf das Trainerteam aufbauen wollte. Er sagte die richtigen Dinge und ließ in seinen vier Einsätzen viele richtige Taten folgen – insofern konnte man sich nur mit ihm über jeden Sieg und insbesondere über den wohlverdienten Purzelbaum in der heimischen Arena freuen.

Plus: Mehr Spielzeit für den, der sie am meisten braucht

Ein klares Plus der Torhüter-Nachverpflichtung ist die Situation von Hannibal Weitzmann. Auf dem Papier kommt es für den 22-jährigen zwar zur „Degradierung“ zurück in die DEL2, doch zählt für die Entwicklung des Goalie-Talents in erster Linie eines: Spielzeit. Gerade jetzt bietet sich beim Kooperations-Partner in Frankfurt die Chance auf viele wertvolle Minuten, da sich Routinier Brett Jaeger verletzt hat. Während Weitzmann in der Notlage der Haie nach Wesslaus Verletzung die DEL-Bank hüten musste, konnte Adler-Talent Florian Proske die Gunst der Stunde in Frankfurt bereits nutzen – nun kriegt auch Weitzmann wieder diese Chance, den natürlichen nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu gehen.

Plus: Haie heute ein stärkeres Team als gestern

Ein weiteres Plus ist die Qualitätserhöhung. Mehr gute Spieler sind nur ganz selten etwas Schlechtes, und ganz so ungewöhnlich ist die Situation bei den Haien dann auch nicht. Justin Peters kam noch zwischen 2012 und 2015 auf über 50 Einsätze in der besten Liga der Welt – einen solchen Qualitätsnachweis, der innerhalb der letzten fünf Jahre erworben wurde und damit noch recht aktuell ist, können und konnten nicht allzu viele Torhüter in der DEL aufweisen. Die Erwartung an Peters dürfte daher nicht wirklich sein, lediglich den Weg für Weitzmann nach Frankfurt freizumachen und neuer Backup von Dshunussow zu werden. Peters‘ Profil spricht eher für eine Rolle als 1B zur 1A Gustaf Wesslau.

Dshunussow weist zwar aktuell herausragende Zahlen auf, aber zur primären Bewertung von Torhütern sind die Statistiken sehr wenig geeignet, sind sie doch extrem von der Mannschaftsleistung abhängig – was gerade der Blick auf Dshunussow extrem deutlich zeigt: letzte Saison war er lange nicht so schlecht, wie seine Statistiken vermuten ließen, und ganz so überragend und sicher, wie die Zahlen aus dieser Saison suggerieren, war der gebürtige Berliner in dieser Spielzeit nun auch nicht; dies soll seine Leistungen aber nicht unfair schmälern. Sollte Dshunussow sich im täglichen Training und bei den nächsten Einsätzen jeweils in besserer Form zeigen als Neuzugang Peters, wird Clouston letzterem nicht nur wegen seiner NHL-Vergangenheit den Vorzug geben. So oder so: die Haie sind heute ein stärkeres Team als gestern.

X-Faktor: „Totes“ Budget im Haie-Tor oder Sonderangebot

Ein wichtiger Faktor bei alledem ist – natürlich – das Geld. Fans denken in aller Regel nicht nur als Fans, sie denken sich zugleich in die Rolle der Spieler (und entwickeln so zum Beispiel hörbare Vorstellungen, wann ein Spieler im Powerplay den Abschluss suchen sollte), des Trainers (der endlich einmal bestimmten Leuten mehr Eiszeit und neuen Kombinationen eine Chance geben sollte) und natürlich auch des Managers, der aus seinem Budget möglichst viel machen soll. Aus dieser Sicht ist es an der Oberfläche erst einmal nachvollziehbar, wenn jemand nicht sofort begeistert ist von der Vorstellung, dass demnächst – und gerade in den entscheidenden Spielen einer Saison – nur einer von drei Goalies namens Wesslau, Peters und Dshunussow auf dem Eis steht, und einer nicht einmal den Weg auf den Spielberichtsbogen findet.

Aber: genau an dieser Stelle lohnt es sich vielleicht, nicht vorschnell zu urteilen und den Spieler- und Goalie-Markt ein bisschen genauer zu betrachten, denn nicht jeder Spieler mit NHL-Spielen im Lebenslauf bekommt automatisch ein Star-Gehalt in der DEL. Dies gilt vermeintlich noch teilweise im früheren Sommer, während die Teams ihre Wunschkandidaten verfolgen. Dies gilt vermutlich auch noch im Lauf des Septembers, wenn die NHL-Trainings-Camps zu Ende gehen, und einige Spieler sich zum ersten Mal Richtung Europa orientieren und schnell auf interessierte Manager treffen, die sich genau für diese Situation Platz im Kader offengehalten haben. Nun schreiben wir allerdings Mitte Oktober, und gerade die Zahl der freien Torhüter-Plätze in den attraktiven europäischen Ligen ist begrenzt. Diese Umstände sprechen ziemlich für das Vorliegen eines „Buyer’s Market“, also einem Markt, an dem das Angebot größer ist als die Nachfrage, und der Einkäufer daher eher den Preis bestimmen kann.

Peters will Olympia-Chance wahren

Ein weiterer Faktor, der den Haien und Mark Mahon in die Karten gespielt haben könnte, sind die olympischen Spiele, zu denen die Kanadier im nächsten Jahr ohne ihre NHL-Stars antreten müssen. Dies lässt die in Europa aktiven Kanadier von der Nominierung träumen – auch Justin Peters. Der 31-jährige war neben Kevin Poulin und Ben Scrivens einer von drei Torhütern, die die Offiziellen des kanadischen Verbandes im Sommer zu zwei Sichtungs-Turnieren in Russland einluden. Für Peters tickt also empfindlich laut die Uhr, sich für diese einzigartige Chance zu beweisen, und schnell die weniger überzeugenden Eindrücke aus seinem kurzen KHL-Gastspiel in Riga vergessen zu machen. Wem das etwas zu spekulativ ist, der sei an den Namen James Wisniewski erinnert: der Verteidiger, der noch bis vor zwei Jahren eine sehr wertvolle Stammkraft in der NHL war, wechselte vor gerade einer Woche in einem der verblüffendsten Wechsel der letzten Jahre zu den Kassel Huskies in der DEL2. Auch Wisniewski dürfte den Olympia-Traum (seinerseits im Trikot der USA) noch gelebt und beschlossen haben, dass er diesen Traum nicht durch zu langes Warten am Leben halten kann, sondern spielen muss. Für ihn kam es aber wohl zu spät: nachdem er am Mittwoch nicht zu den Nominierten für den Deutschland-Cup gehörte, der für die Amerikaner zum wichtigen Test wird, erklärte Wisniewski den Olympia-Traum auf Twitter für sich enttäuscht für beendet.

Vor diesem Hintergrund erscheint es ziemlich gut möglich, dass Peters in finanzieller Hinsicht gerade nicht als Ex-NHL-Schwergewicht kommt, sondern als potentielles Sonderangebot, das bei den Haien eine Chance ausgemacht hat, sich bei einer attraktiven und gut sichtbaren Adresse im europäischen Hockey für höchste Eishockey-Ehren zu empfehlen. Wenn so auch noch das Preis-Leistungs-Verhältnis passen sollte, gäbe es nicht viel auszusetzen an diesem Transfer – bei aller Empathie für Daniar Dshunussow, der weiter arbeiten wird, weiter Teamplayer sein wird, und weiterhin da sein wird, wenn er gebraucht wird, und deswegen weiterhin von Fans, Mitspielern und Trainern geschätzt werden wird. Von einigen davon halt nur nicht als längere Nummer Eins.

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Sharkbite #67 – Zwei Neuzugänge für Köln

6 Kommentare

  1. LInsoDeTeh
    21.10.2017

    Wow. Die Art und Weise, den Mann bei uns Willkommen zu heißen, war gestern in der Arena wirklich absolut unter aller Sau. Ich habe mich selten so geschämt, Fan der Haie zu sein, wenn da ein neuer Torwart so ausgepfiffen wird, der für alles überhaupt nichts kann. Der Kerl tat mir gestern mega Leid.

    @Justin Peters: Sorry for our fans being total dicks yesterday. It’s not an offense against you. Absolutely not, these people don’t know you. It’s been anger induced by the yellow press in advance, about the decision to switch goalies after four goals against which were mainly caused by the failing defense and not the goalie. I was ashamed to hear those reactions. Don’t get distracted by that. They’ll love you after a few good saves. Sorry again for our fans being so much of a dick and welcome to Cologne! Cheers for a good season!

  2. Dampfmaschiehn
    21.10.2017

    Dem schließe ich mich vollkommen an, das war eine, wenn auch wegen des wirklich großartigen Typen DD verständliche, ziemlich peinliche und unfaire Aktion der Zuschauer.

    @Justin: Heads up, please don’t be offended by the crowd reaction to the goalie change. “DD” is a well-liked backup and always stood in the shadow of Wesslau, so him being exchanged when he finally gets his chance to stand between the pipes is a bigger story for the fans than needs to be. It has zero to do with you personally, rest assured.
    Here’s hoping the team can turn the season around and go on a succesful playoff run!
    All the best and welcome to hockeytown Cologne, cheers Justin!

  3. Bernd Schumalski
    21.10.2017

    die aufregung richtete sich doch eindeutig gegen die entscheidung von clouston, daniar eine neue nr.1 vor die nase zu setzen, anstatt auf daniar als nr.1 übergangsweise zu setzen. Daniar reisst sich, wie man so hört, bei jedem training seinen ar… auf, bekommt dann die möglichkeit zu spielen und macht dabei seine sache mehr als gut.

    Hätte es bei der auswahl für einen zusätzlichen goalie nicht auch eine nummer kleiner getan?

    Peters wird profi genug sein, um zu wissen, das sich die pfiffe nicht gegen ihn persönlich gerichtet waren. Seine Aussage nach dem gestrigen Spiel gehen ja in diese richtung.

    Weiterhin kann es nochmal zu einem grossen, zumindest kostspieligen problem werden, wenn alle spieler wieder fit sind.
    Leidtragender wird Peters sein, denn man hat ja mittlerweile schon die 9.AL belegt (und wenn Bolduc fit ist sind es 10). Somit müsste ein ausländischer spieler auf die tribüne, wenn peters auf dem spielberichtsbogen stehen würde. So hätte man neben dem verständlicherweise unzufriedenen daniar noch einen weiteren spieler, der ebenfalls enttäuscht sein dürfte.

    Ich bin mal gespannt, wie es weiter geht

  4. Alexander
    21.10.2017

    Ich verstehe die Aufregung um den gestrigen Torwartwechsel nicht hätte Clouston nix gemacht hätten sich die Fans trotzdem aufgeregt freue mich schon auf Peters Debüt Morgen von Anfang an

  5. Reinhold Kosche
    22.10.2017

    Das eigentliche Problem ist einzig und allein Clouston. Mit dem Torwartwechsel von seiner eigenen Unfähigkeit abzulenken ist völlig in die Hose gegangen. Aber mit einer Entscheidung gleich zwei Torleute zu demontieren…. Respekt, so bescheuert war noch keiner seiner Vorgänger…und das die Mannschaft gegen ihn spielt ist doch mehr als offensichtlich. Guckt euch doch mal die Körpersprache der Spieler an. Es wird höchste Zeit den Trainer zu feuern, andernfalls mal wieder eine verlorene Saison.

  6. LInsoDeTeh
    22.10.2017

    Guter Mann. Hat mich sehr gefreut, ihm heute zuzusehen und auch den Rückhalt aus den lauteren Teilen der Fankurven, da hatte ich mit schlimmem gerechnet. Insofern kann man das ganze Peters-Dshunussow-Thema jetzt ja abhaken. Wir haben einen starken neuen Goalie und so ist es gut.

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