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Leon Draisaitl – Saisonrückblick von Köln aus

Leon Draisaitl im Interview - Foto: Steffen Thaut

Die Saison in der NHL ist für Leon Draisaitl seit dem 09. April vorbei. Das letzte Spiel der Regular Season absolvierte er mit den Edmonton Oilers beim Divisions-Rivalen in Vancouver. Die Niederlage, bei der Draisaitl im Shootout traf, spielte in der Gesamtabrechnung aber keine Rolle mehr. Dass die Oilers zum zehnten Mal in Folge die Playoffs verpasst hatten, stand bereits ein paar Wochen vorher fest. Doch das war keinesfalls ein Nachteil für ihn.

Bei seinem Team hatte es in der Off-Season ein paar einschneidende Veränderungen gegeben. Mit der Entmachtung von Oilers-Legende Kevin Lowe und Craig MacTavish im Management und dem Ersatz durch Ex-Boston Bruins General Manager Peter Chiarelli standen die Zeichen auf Kulturwandel in Edmonton. Zudem übernahm mit Todd McLellan ein NHL-erfahrener und etablierter Headcoach hinter der Bande. Der 48-Jährige war zuvor sieben Jahre Cheftrainer der San Jose Sharks.

Die Saison begann für Leon Draisaitl aber zunächst mit einer Enttäuschung. Nach einem trainingsintensiven Sommer schaffte er den Cut zum Saisonauftakt nicht und wurde zunächst ins Farmteam nach Bakersfield, Kalifornien geschickt. Doch eine Reihe von Verletzungen bei den Oilers sorgte für seinen Call-Up – da war die Saison gerade mal zehn Spiele alt.

In seinen ersten drei Spielen lief Draisaitl als rechter Außenstürmer in der Reihe von Ryan Nugent-Hopkins und Taylor Hall auf. Das Ergebnis: drei Punkte inklusive dem Game-Winning-Goal gegen Montreal, ein Tor und ein Assist gegen Calgary und nochmal zwei Assists gegen Philadelphia. Sieben Punkte in drei Spielen – und die Liga horchte auf.

Leon Draisaitl auf dem Eis im Haie-Trainingszentrum - Foto: Steffen ThautDas Verletzungspech blieb den Oilers treu. In Draisaitls drittem Spiel (gegen die Flyers) brach sich Top-Prospect und 2015 1st overall Draft-Pick Connor McDavid das Schlüsselbein und sollte lange ausfallen. McLellan wollte die heiße Reihe mit Hall, Nugent-Hopkins und Draisaitl eigentlich nicht trennen, doch er brauchte Nugent-Hopkins als defensiven Aufpasser für Nail Yakupov in Reihe zwei. So fand sich Leon Draisaitl von nun an als 1. Reihe Center zwischen Taylor Hall und Jordan Eberle wieder. Ein steiler Aufstieg, der dem gebürtigen Kölner aber nicht zu Kopf gestiegen ist. „Ich habe mir keine allzu großen Gedanken darüber gemacht, in welcher Reihe ich spielen werde. Mit Hallsy habe ich jetzt ein paar Spiele zusammen gespielt und es lief ziemlich gut. Mit Jordan habe ich letztes Jahr ein paar Spiele zusammen gemacht. Sie sind zwei sehr talentierte Jungs. Meine Position hat sich vielleicht verändert, aber nicht meine Rolle“, sagte Draisaitl damals dem Edmonton Journal. „Jetzt ist meine Aufgabe, keine Rückschritte zu machen.“

Eine Veränderung zum Leon Draisaitl der Vorsaison fiel seinen Reihenkollegen sofort auf. „Er ist schneller, und das ist viel wert“, meinte Jordan Eberle im Edmonton Journal. „Er ist schneller, und als Center ist das eine wichtige Eigenschaft.“

„Es war eine meiner größeren Schwächen. Ich habe über den Sommer sehr, sehr viel Arbeit in die Beinkraft gesteckt“, verriet Draisaitl nun bei seinem Zwischenstopp in Köln auf dem Weg zur Nationalmannschaft. „Das hat sich auf jeden Fall gelohnt.“

Der Oilers-Headcoach setzt großes Vertrauen in Draisaitl und beschützt ihn nicht vor Match-Ups mit den erfahrenen Top-Formationen der Gegner. „Es ist eine gute Erfahrung für Leon, wenn er gegen Crosby, Getzlaf und solche Veteranen antreten muss“, erklärte McLellan im Edmonton Jounal. „Er kann davon viel lernen. Das ist schon allein bei den Bullys wichtig.“ Gleiches galt auch für Connor McDavid, nachdem er von seiner Verletzung zurückgekehrt war.

„Es ist sehr, sehr hilfreich“, bestätigte Draisaitl heute im Gespräch. „Als junger Spieler ist es oft sehr schwer, das Vertrauen vom Trainer zu bekommen. Davo [Connor McDavid] und ich haben von Anfang an das Vertrauen von Todd bekommen. Das hilft natürlich auch, wenn man einen Fehler macht, die Scheibe mal verliert oder mal seinen Mann nicht hat. Da war er sehr gut und hat uns weiterspielen lassen. Er hat uns nie groß angemeckert. Es hilft schon sehr, wenn man das Vertrauen vom Trainer hat.“

Todd McLellans Unzufriedenheit mit dem Saisonverlauf hatte ihre Ursachen letztendlich sogar explizit im restlichen Kreis der Stürmer – McDavid und Draisaitl ausgenommen. Die Arbeit im Backcheck und in der Defensive ließen ansonsten durch die Bank zu wünschen übrig. Trade-Gerüchte machten die Runde. Taylor Halls Name fiel genauso wie der von Ryan Nugent-Hopkins und so gut wie der von allen anderen Oilers-Stürmern. Als sich die Saison dem Ende zuneigte und Edmonton erneut einen Platz im Tabellenkeller belegte, stellte Sportsnet-Analyst und NHL-Insider Elliotte Friedman fest, dass McLellans Verzweiflung mit seinen Stürmern von Spiel zu Spiel wachse, und mutmaßte, dass McDavid und Draisaitl die einzigen Stürmer außerhalb jeglicher Diskussion seien.

Da ist Leon Draisaitl nun also angekommen nach seinem zweiten Jahr „in der Show“. In einer immer noch nach Konsolidierung suchenden Organisation ist er einer von zwei Stürmern, die nicht in Frage gestellt werden. Zweitbester Scorer im Team (19 Tore, 32 Assists) hinter Taylor Hall (26 Tore, 39 Assist) – und das mit zehn Spielen weniger. In der Plus-Minus-Statistik in einem defensiv desolaten Team, dass die fünftmeisten Gegentore der Liga kassiert hat, mit einer -1 ebenfalls unter den Besten seiner Mannschaft.

„Luft nach oben gibt es noch in meinem gesamten Spiel. Ich bin 20 Jahre alt. Ich bin noch lange, lange nicht da, wo ich sein will und wo ich mich selbst sehe“, sagte Draisaitl heute mit Rückblick auf die abgelaufene Saison. „Ich habe sehr viel dazugelernt im Laufe des Jahres.“

Für sein drittes und letztes Jahr seines Entry-Level-Contracts mit den Oilers ist er verhalten optimistisch, was die Entwicklung in Edmonton angeht. „Das Gute ist, dass es nur bergauf gehen kann“, scherzt er zunächst, fügt dann aber hinzu: „Ich denke, dass wir die richtigen Ansätze haben, um wieder nach oben zu kommen. Wir haben jetzt ein sehr erfahrenes Management, die alle schon lange in der Liga und sehr etabliert sind. Ich denke, dass wir in die richtige Richtung gehen.“

Als nächstes steht für Draisaitl die Weltmeisterschaft an. Doch zuvor hat er sich in Absprache mit Marco Sturm eine Woche in Köln Zeit genommen, die NHL-Saison abzuhaken. Wie bei allen seinen Besuchen in der Heimatstadt verbringt er so viel Zeit wie möglich mit Hannibal Weitzmann. Die beiden kennen sich lange aus ihrer gemeinsamen Jugendzeit beim Kölner EC. Trotz Draisaitls Wechsel nach Mannheim und dann nach Übersee ist der Kontakt nie verloren gegangen. Weitzmann war vorletztes Jahr sogar mit in Philadelphia beim Entry Draft und hat vor Ort miterlebt, wie Draisaitl als Dritter ausgewählt wurde. „Er hatte mich gefragt, ob ich mitkomme“, berichtet Weitzmann und lacht: „Da musste ich nicht lange überlegen.“

Beste Freunde: Leon Draisaitl und Hannibal Weitzmann - Foto: Steffen ThautUnd Hannibal Weitzmann hat auch eine Erklärung, warum die Freundschaft so lange angehalten hat. „Ich muss wirklich sagen, er ist gleich geblieben“, meint der Goalie. „Man denkt ja immer, dass einen das da drüben verändert. Er ist erwachsener geworden. Alleine in Kanada zu sein, hat ihn natürlich verändert. Er ist viel reifer geworden. Aber so an sich ist er gleich geblieben. Sonst wären wir wahrscheinlich auch nicht befreundet, weil ich auch so ein bodenständiger Typ bin. Der Erfolg hat ihn überhaupt nicht verändert.“

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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