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Von Oberwasser keine Spur

KEC-Headcoach Cory Clouston - Foto: Andreas Dick

Lässt man den satten 0:6-Ausrutscher in Bremerhaven außen vor, muss man weit zurückschauen, um ein Haie-Spiel zu finden, das mit mehr als einem „echten“ Tor Unterschied entschieden wurde: Es war das 8:4 in Ingolstadt des 22. Spieltags am 25. November 2016. In allen Spielen danach, die einen Zwei-Tore-Unterschied auswiesen, waren Empty-Net-Goals enthalten. Die Partien also durch die Bank auf Messers Schneide und einen „lucky bounce“ von einem anderen Ergebnis entfernt. Sechs der letzten acht Spiele gingen zugunsten der Haie aus, fünf der sieben Partien davor zu ihren Ungunsten. Alles Spiele mit im Grunde genommen nur einem Tor Unterschied – das Bremerhaven-Spiel ausgenommen. Die letzten Siege sind also kein Grund für Oberwasser – und das findet sich auch nirgends.

In den Augen von Cory Clouston sind die Spielergebnisse nach wie vor keine Messlatte für den Leistungsstand seiner Mannschaft. Das hat er bereits vor Weihnachten in der Phase der Niederlagen betont, und das betont er auch jetzt. „Ich bin nicht erleichtert oder sowas über die Siege. Ehrlich“, so der Kölner Headcoach. „Wir haben immer noch Bereiche, in denen wir besser werden müssen, sowohl gemeinsam als Mannschaft als auch individuelle Spieler. Diese Arbeit ist nie komplett erledigt, bis das letzte Spiel gespielt ist.“

Nichts an der Spielweise geändert

„Es gibt nicht wirklich Unterschiede zwischen unserer Spielweise vor Weihnachten und danach“, fährt Clouston fort. „Wir haben Spiele verloren, in denen wir sehr solide gespielt haben. Ein paar der Spiele hätten in die andere Richtung ausgehen können, wenn die Scheibe hier oder da mal für uns glücklich gesprungen wäre. Das gilt aber andersrum auch für unsere letzten vier Siege – oder wie viele es auch immer gerade sind. Das ist uns bewusst. So ist Sport. Es ist nicht einfach A + B = C. Es passieren Dinge, die man nicht kontrollieren kann. Deswegen spielt man in den Playoffs Best-of-Seven-Serien, weil man hofft, dass sich auf die Länge der Serie tatsächlich das bessere Team durchsetzt, nicht das glücklichere.“

Haie Kapitän Moritz Müller meint dazu: „Wir haben sicher ein paar Spiele verloren, in denen wir besser waren – wie zum Beispiel zuletzt gegen Düsseldorf. Nimmt man andererseits das letzte Spiel zuhause gegen Iserlohn, dann haben wir das zwar gewonnen, haben es aber am Ende fast noch weggeworfen. Wenn man verliert, dann würde man dem Umfeld gerne sagen: Schaut bitte auf das Spiel und bewertet uns danach und nicht nach dem Ergebnis. Das hat bei vielen Spielen gefehlt, die wir so knapp verloren haben. Da sind wir nicht immer objektiv bewertet worden. Vielleicht muss man dann jetzt auch so ehrlich sein und sagen, ok, wir haben jetzt ein bisschen besser gespielt, aber der einzige Unterschied ist, dass wir es geschafft haben, diese Spiele zu gewinnen, denn die Spielweise hat sich nicht so groß verändert. Wir wissen diese Siege einzuschätzen. Es ist schwer, in München, Berlin und Nürnberg zu gewinnen. Aber nach dem Berlin-Spiel wussten wir alle, dass wir besser sein können.“

Ein bisschen mehr Selbstvertrauen

„Es liegen keine Welten zwischen den knappen Niederlagen und unseren Siegen jetzt“, so Moritz Müller weiter. „Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass wir jetzt vielleicht ein bisschen mehr Selbstvertrauen haben. Das haben wir aus den Spielen gegen München gezogen. Wenn wir jetzt mit einem Tor vorne sind, dann spielen wir das ein bisschen selbstbewusster runter als vorher.“

Was außerdem nicht schadet, ist, dass die beiden Top-Reihen mittlerweile seit ein paar Spielen unverändert beieinander sind. „Vielleicht lassen wir sie nicht so zusammen“, lacht Clouston. „Aber Kontinuität hilft natürlich. Durch die Langzeitverletzungen im Kader hatten wir durch alle Reihen schon fast sowas wie einen Drehtür-Effekt. Dadurch sind immer wieder andere Jungs in Reihen gekommen, mit denen sie erst Chemie finden mussten.“ Der Headcoach hatte nach der vollständigen Genesung von Johannes Salmonsson den Schweden immer mal wieder mit Ryan Jones getauscht. Nach dem Heimspiel Ende Dezember gegen Iserlohn meinte Philip Gogulla dazu: „In der ersten Reihe ist es auf Position rechts-außen recht spannend in diesem Jahr. Ich denke, jeder, der bei uns spielt, gibt sein Bestes. Nichtsdestotrotz muss man jetzt vielleicht zusehen, dass man in näherer Zukunft eine Reihe beisammen hält und ich hoffe, das wird jetzt irgendwann auch passieren, und dann hoffe ich, dass wir uns etwas einspielen können.“ Diese Hoffnung hat sich inzwischen nicht nur bestätigt sondern auch ausgezahlt.

Brauchen manchmal die Pistole auf der Brust

Wo Spielstruktur, Systemtreue und die Überzeugung, auf einem guten und richtigen Weg zu sein, schon weit vor der aktuellen Erfolgsserie fester Bestandteil der Kölner Haie waren, schwankt als einzige hausgemachte Inkonstante die aufs Eis gebrachte Intensität. Nach 120 Minuten gegen München auf hohem Niveau, ließ das Team zuletzt in den Spielen gegen Berlin und Nürnberg jeweils verhaltene erste Drittel folgen. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir nicht eine Mannschaft sind, die immer erst einen Tritt in den Hintern braucht, bis sie die Kanonen rausfährt“, erklärt Moritz Müller. „Wir scheinen schon ein bisschen dazu zu neigen, manchmal etwas gemütlich zu werden, wenn die Dinge gerade für uns laufen. Ich glaube, wir brauchen manchmal ein bisschen die Pistole auf der Brust. Das müssen wir aus der Vergangenheit lernen, dass wenn man auch nur ein oder zwei Spiele nicht richtig angeht, man in einen Strudel hineingerät, der mit großer Unzufriedenheit enden kann. Und dann ist man auf einmal nervös. Diese Zusammenhänge sollten wir verstehen und eben auch Spiele gegen vermeintlich kleinere Mannschaften mit der richtigen Einstellung angehen.“

Johannes Salmonsson bezeichnete es nach dem Sieg in Nürnberg als „große Herausforderung“ an die Mannschaft, für Spiele gegen schlechter platzierte Teams im Kopf bereit zu sein. Grundsätzliche Defizite in der Haltung seiner Mannschaft sieht Clouston aber nicht: „Niemand bei uns denkt: ‚Wir sind so gut, wir gewinnen sowieso.‘ Das ist nicht der Fall.“

Einflüsse ausblenden, die man nicht kontrollieren kann

Was Clouston und die Mannschaft versuchen, nicht an sich herankommen zu lassen, sind die Dinge, auf die sie keinen Einfluss haben. Dass beispielsweise ein Hoher Stock mit Verletzungsfolge wie zuletzt in Berlin nicht geahndet wird, weil von den Schiedsrichtern niemand das Foul an Salmonsson gesehen hat, versucht man aus dem Spielgeschehen auszublenden. „Das sind Dinge, die ohne weiteres den Ausgang eines Spiels beeinflussen können. Bekommen wir ein 5-minütiges Powerplay, machen wir vielleicht ein paar Tore im ersten Drittel und gewinnen vielleicht mit deutlicherem Vorsprung anstatt eine Zitterpartie zu haben. Aber das ist einfach auch nur eine von den vielen Variablen im Spiel, die wir nicht kontrollieren können“, erklärt Clouston. „Natürlich ist es ärgerlich, wenn so eine Strafe nicht gegeben wird. Salmonssons Nase war gebrochen, so dass wir ihn für den Rest des Spiels verloren hatten. Aber wir können nichts daran ändern. Alles, was wir in so einem Moment tun können, ist uns aufs Spiel zu konzentrieren.“

Ebenso wichtig ist es Clouston aber auch, seine Spieler in guten Aktionen zu bestätigen, auch wenn die mitunter von den Unparteiischen anders beurteilt werden. Besonders Dane Byers soll sich nicht von Strafen für Checks irritieren lassen, die für ihn speziell in der jüngeren Vergangenheit schwer nachvollziehbar gewesen sein müssen. „Er soll weiter so physisch spielen. Ich ermutige ihn, weiter so zu spielen. Wir brauchen das von ihm. Das ist Eishockey“, so Clouston und schickt hinterher: „Wir haben ein gutes Unterzahlspiel.“

„Cory sagt immer zu uns: Wir können das nicht kontrollieren, verschwenden wir also keine Energie darauf“, berichtet Moritz Müller. „Er will nicht, dass wir uns im Kopf mit den Schiedsrichterleistungen beschäftigen. Er will, dass wir einfach unser Spiel spielen. Ihm liegt viel daran, dass wir uns auf das konzentrieren, was wir kontrollieren können. Damit hat er eigentlich auch zu hundert Prozent Recht. Das funktioniert natürlich nicht immer. Gerade in Schlüsselsituationen. Wir wissen aber auch, dass es für die Schiedsrichter nicht immer einfach ist.“

Von der Mannschaft nach wie vor überzeugt

Was die Mannschaft an ihrem Trainer hat, ist ihr sehr bewusst und das Vertrauen in seine Fähigkeiten groß. „Er ist nicht der erste Trainer hier in Köln, der taktische Anpassungen im laufenden Spiel vornimmt. Doug Mason konnte das zum Beispiel auch“, berichtet Moritz Müller. „Aber Cory ist einfach wahnsinnig schnell darin, Situationen zu erkennen und Lösungen zu haben. Da ist er einfach sehr gut. Das kommt einem natürlich besonders in Back-to-back-Spielen oder dann eben in den Playoffs zugute.“

Von der Zusammensetzung seiner Mannschaft ist Clouston nach wie vor überzeugt und sieht auch keinen Bedarf für Nachbesserungen vor der Deadline. „Das ist natürlich eigentlich eine Frage an Mark, aber wir fühlen uns gut aufgestellt und sind happy mit dem Kader, den wir haben. Wenn sich eine Option auftut, zu der wir nicht nein sagen können, dann werden wir darüber auf jeden Fall nachdenken. Genauso wie wir es gemacht haben, als Christian [Ehrhoff] verfügbar wurde. Sollte sich so eine Gelegenheit nochmal ergeben – gut. Wenn nicht, dann sind wir sehr zuversichtlich und fühlen uns sehr gut aufgestellt mit der Mannschaft, die wir haben. Wir werden aus uns selbst heraus besser werden, je weiter die Saison fortschreitet.“

Wie die Aufstellung am kommenden Wochenende aussieht, ist noch nicht sicher. Travis Turnbull ist zurück auf dem Eis und macht gute Fortschritte. Eine Prognose über den Zeitpunkt seiner Einsatzfähigkeit gab Clouston jedoch nicht ab. Die Sorgen um Ryan Jones nach seinem Block im Spiel gegen Nürnberg am vergangenen Sonntag haben sich indes nicht bestätigt. Der Top-Torjäger der Haie hat sich keine Verletzung zugezogen und fällt somit nicht aus.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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  • Thomas sagt:

    Interessanter Artikel. Zu den Schiris äußere ich mich besser nicht, sonst wird das ein Roman, den keiner lesen will.
    Spannend ist aber die Aussage “Nicht von den Schiris vom Spiel ablenken lassen”. Das ist leichter gesagt als getan. Ich glaube es wird schwer für Turnbull und Uvira wieder in die Mannschaft zu kommen. Jetzt läuft es gerade recht gut. Beide sicher besser als Ohmann und Boucher, aber ich bin sehr gespannt was so passiert im Kader.

    Zum Thema ungerecht behandelt, als es nicht lief, muss ich etwas wiedersprechen. Wie man seit dem 6:0 in Bremerhaven spielt ist anders als vorher. Man spielt wieder viel kompakter mit diesem “Nerv Faktor” den man zu Saisonbeginn schon gezeigt hat. Alles nach dem Motto “Das heute wird ein schwerer Abend für euch.”

    Man darf auf das nächste Spiel gegen die DEG gespannt sein. Zeigt man da diesen Biss wundert sich der ein oder andere noch.

    Gruß
    Thomas

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