Unabhängiges Magazin seit 2003 – Eishockey. Kölner Haie. Köln. DEL.

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als sechs Monate. Um immer auf dem aktuellen Stand zu sein nutzt du:

Aktuelle Informationen findest du auf unserer Startseite »

Mehr als nur verlorene drei Punkte

Andreas Falk setzt gegen Tyler Beskorowany nach. Foto: Andreas Dick
Andreas Falk setzt gegen Tyler Beskorowany nach. Foto: Andreas Dick

Der Frust saß tief nach der 1:3-Niederlage der Kölner Haie gegen die DEG. Tiefer als nach jeder noch so herben Niederlage in der Saison. Ein schmallippiger Alexander Sulzer stellte sich nach dem Spiel der Presse, blieb aber eine nachvollziehbare Erklärung für die dargebotene Leistung schuldig. Zu zögerlich habe man agiert, konstatierte er, allerdings ohne eine Begründung warum. Es war eben nicht einfach nur ein verlorenes Derby oder verlorene drei Punkte. Es war der größte vorstellbare Dämpfer für die Playoff-Hoffnungen des KEC.

Eigentlich war alles angerichtet für ein Spiel, das ein Statement in Sachen Kampf um die Playoff-Qualifikation hätte werden sollen, nein, müssen. Vier Tage Vorbereitung. Über 18.000 Zuschauer in der heimischen Arena. Ein Gegner, für den man sich nicht extra motivieren muss. Der Frust aus dem vorangegangenen Spiel gegen Wolfsburg. Das letzte Spiel vor der Länderspielpause. Jeder einzelne in den Reihen des KEC hätte am Sonntag alles auf dem Eis lassen müssen.

Niklas Sundblad wollte offensichtlich von Anfang an die Gangart vorgeben. Douglas Murray in den Starting-Six und gleich mit zwei Checks im ersten Wechsel war eine Ansage. Doch anders als im Spiel gegen die Adler blieb die Wirkung aus. Man wolle die Intensität und den Hunger aus dem Mannheim-Spiel wiederfinden, hatte Andreas Falk gesagt. Dieses Vorhaben schien nicht in den Köpfen aller Kölner Akteure angekommen zu sein. Was sich schnell entwickelte war eine Partie, in der die eine Mannschaft vor Selbstbewusstsein und spielerischer Sicherheit nur so strotzte und die andere nur in Teilen ein Bemühen erkennen ließ, dem Druck zu trotzen und sich gegen den Abwärtstrend des letzten Monats aufzulehnen.

Wie im richtigen Leben waren es auch gestern die schwächsten Glieder in der Kette, die den Ausschlag gegeben haben. Der beherzte Einsatz Einzelner wie zum Beispiel John Tripp, der nicht nur wegen seines Tores einer der besten Akteure auf Seiten der Haie war, verkam zur Bedeutungslosigkeit in einer inhomogenen Gesamtleistung. Die Aussetzer und Unkonzentriertheiten, die sich speziell Routiniers wie Chris Minard wieder und wieder leisteten, brachen den Haien letztendlich das Genick. Fehlpässe beim Aufbau aus der eigenen Zone summierten sich bei Minard wie schon im Wolfsburg-Spiel. Nachdem der ehemalige Toptorjäger der Haie auch noch die Vorlage für die 2:0-Führung der Gäste gab, reagierte Niklas Sundblad und stellte die ersten beiden Reihen um. Ryan Jones fand sich von da an auf dem Flügel in der Johnson-Iggulden-Reihe, während die Gogulla-Falk-Minard-Reihe der vergangenen Spielzeiten ein Revival erfuhr. Geändert hat es lediglich, dass Minard damit zwei Reihenkollegen hatte, die seine Fehler ausmerzen konnten.

Für Fassungslosigkeit sorgte auch das Powerplay. Aus keiner ihrer elf (!!!) Überzahlsituationen konnten die Haie Kapital schlagen. Und das, obwohl Sundblad unter der Woche vorrangig Powerplay trainieren ließ. Tyler Beskorowany im Tor der Gäste hatte daran allerdings wenig Anteil. Die Haie brachten selten überhaupt Schüsse bis zu ihm durch. Dass die DEG das Siegtor zudem mit einem Shorthander erzielte, setzte dem Ganzen nur noch die Krone auf.

Es hätte ein Spiel werden müssen, in dem die Haie alles in die Waagschale werfen. Das Herz in die Hand nehmen wäre das Gebot der Stunde gewesen. Man kann gegen eine DEG im Aufwind sicher verlieren, aber nicht so. Eine solche Darbietung in der ersten Saisonhälfte hätte schlimmstenfalls ein großes Murren und ein paar verletzte Eitelkeiten nach einem Derby zur Folge gehabt. Das große Problem an dieser Niederlage ist aber, dass sie zu einem Zeitpunkt, in einer Art und Weise und in einer Situation zustande kam, in der jedem einzelnen Spieler bewusst sein muss, was die Stunde geschlagen hat. Verschlafene Sonntagnachmittage sind einfach keine Option.

Mag der Druck im Nacken eine Rolle gespielt haben? Sicher. Wenn es ohnehin nicht rund läuft, dann kommt nichts von alleine. Wenn das Selbstvertrauen angeknackst ist, dann setzt man mitunter auch mal aus kurzer Distanz Schüsse neben den Pfosten des leeren Tores. Dafür hat jeder Verständnis, wenn insgesamt der Wille zum Erfolg spürbar ist. Aber das war nicht das Bild, was die Haie im Derby abgegeben haben. Es fehlte der sichtbare Versuch, überhaupt ins Spiel zu kommen. Zu wenig Ausrufezeichen, zu wenig Aufbäumen, zu wenig Mut. Wenn man zu Leistungen wie gegen Mannheim in der Lage ist, dann ist ein Auftritt wie gegen die DEG weder zu erklären noch zu akzeptieren.

Es war ein ernüchternder Sonntag. So ernüchternd, dass selbst die Krefelder Niederlage gegen Ingolstadt später am Nachmittag die Laune nicht wieder gebessert hat. Rein rechnerisch lebt die Hoffnung auf die Playoff-Qualifikation für die Kölner Haie weiter. Mit vier Auswärtsspielen in Folge vor der Brust werden die Chancen allerdings nicht unbedingt besser. Zudem hat Niklas Sundblad bereits angekündigt, in der Länderspielpause das Training umstellen zu wollen – sprich: die traditionell harte Vorbereitung auf die Playoffs beginnt.

Ob die paar Tage Pause und die Chance, die Köpfe frei zu bekommen, reichen, um eine Kehrtwende im Spiel der Haie zu generieren, wird die große Frage sein. Nach dem Auftritt gegen die DEG fragt man sich aber auch, wo sie es hernehmen wollen. Wenn ein Derby auf eigenem Eis nicht Anlass genug ist, einen Ruck durch die Mannschaft gehen zu lassen, was braucht es dann?

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

Vorheriger Artikel

Meilenstein // Herzlichen Glückwunsch zum 500. DEL-Spiel, Charlie Stephens!

5 Kommentare

  1. IM
    02.02.2015

    100% auf den Punkt gebracht ….
    Man hätte noch ergänzen können dass dem Geschwätz der Spieler vor einem Spiel mal Taten folgen sollten …aber ok , der Zug 14/15 ist eh abgefahren !

  2. ME
    02.02.2015

    Kann ich nur zustimmen, genau so habe ich das auch gesehen.

    Selten so eine schlechte Leistung gesehen und auch selten eine so leise Halle erlebt, trotz über 18000 Zuschauern. Die Zuschauer waren wahrscheinlich genauso wie ich sehr schnell sehr ernüchtert.

  3. JH
    02.02.2015

    Zutreffender Kommentar in jeder Hinsicht.

    Ich würde noch folgendes ergänzen: Hat man sich in der Haie Geschäftsführung einmal die Frage gestellt, ob nicht doch der Trainer eine massgebliche Rolle an diesem Desaster hat? Hat dieser Trainer vielleicht keinen Zugang zu seinen Spielern? Alle zur Saison und auch später verpflichteten Spieler haben ein grosses Potential. Nur der Trainer ist nicht in der Lage, dieses Potential abzurufen und gewinnbringend einzusetzen. Alle neuen Spieler wirken verunsichert.

    Meine Empfehlung: Ein neuer Trainer muss her. Sofort.
    Dies wird sicherlich die notwendigen Impulse setzen. Denn die Mannschaft auszutauschen wird angesichts der verbleibenden Zeit kaum möglich sein.

  4. ACShark
    02.02.2015

    Da spricht mir jemand aus der Seele. Schon beim Spiel in Iserlohn dachte ich im verkehrten Film zu sein, aber gestern wars echt nur noch peinlich. Zumal, wenn man sieht, dass andere Mannschaften, die einer ähnlichen Situation sind, den A….. hochkriegen und Engagement zeigen. Am meisten nervt, dass die Verantwortlichen nur Frasen dreschen und keine klaren Worte, auch zum eigenen Beitrag für die nervliche Verfassung der Mannschaft, finden. Nur mit “Arsch huu” kommen wir nicht weiter. Auch die Verlängerung von Verträgen schon im Vorfeld der Playoff wirft bei mir Fragen auf, wiso wartet man nicht, bis diejenigen ihre Leistungerbracht haben? Das ist so, wie wenn du den Handwerker im Voraus bezahlst.

  5. peppi
    22.02.2015

    JO DU HAST VOLLKOMMEN RECHT !!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.