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Hört auf euer Gefühl! – Eine Eislaufgeschichte aus Köln

Links: Anzeige für die Japanische Nacht (31. Dezember 1913) / rechts: Zeichnung von 1872
Links: Anzeige für die Japanische Nacht (31. Dezember 1913) / rechts: Zeichnung von 1872

Wenn die Tage dunkler und die Temperaturen kälter werden, wenn der Glühwein duftet und die Lichterketten angehen, dann ist Winter, dann ist Weihnachten. Und dann öffnen die Weihnachtsmärkte, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren verstärkt Themen aufgreifen, welche die Menschen tief in der Seele ansprechen sollen.

Und in diese Zeit passt auch die Nachricht, dass in diesem Jahr in Köln eine weitere Eisbahn zum Eislaufen unter freiem Himmel die Pforten öffnete. Zur Aufwertung des Ebertplatzes – ausgerechnet. Der Ebertplatz gilt seit Jahren als heruntergekommen und kaum zumutbar.

Eislaufen als “neuer” Winterspaß?

Doch die neu eröffnete Eisbahn, sie kam an. Ausgerechnet junge Familien mit Kindern zog es auf die Eisfläche. Eltern, die ihren Kindern das Gefühl des Eislaufens in der Winterzeit nahebringen wollten. Der Erfolg hat Konsequenzen: Die Eisbahn bleibt nun länger geöffnet, nämlich bis zum Ende der Weihnachtsferien am 6. Januar 2019.

Es ist eine Geschichte, die sich wiederholt. Denn es ist noch nicht lange her, da gab es gar keine offene Eisbahn in Köln. Völlig überrascht waren die Betreiber zum Jahreswechsel 2013/2014, dass die Eisbahn auf dem Heumarkt Besucher in einem Schnitt anzog, der den der berühmten Eisbahn am Rockefeller Center in New York übertraf. Es wurde ein satter Gewinn gemacht – dabei galten Eisbahnen als “unnützer” Kostenträger. Die Eisbahn auf dem Heumarkt ist vom Weihnachtsmarkt nicht mehr wegzudenken – warum auch?

Es berührt die Menschen in ihrem Inneren, zur Winterzeit eiszulaufen. Warm eingepackt, die Kufen an den Füßen, das Eis unter selbigen. Unsichere erste Schritte für alle, die die Schlittschuhe schon ein Jahr im Schrank stehen hatten. Dann irgendwann laufen die Bewegungen wieder flüssiger, man läuft gefühlt eleganter, man atmet die kalte Luft ein und aus und fühlt sich gut.

Auch, weil dieses Erlebnis etwas triggert, was wir kulturell als „normal“ für die Weihnachtszeit annehmen: Eislaufen und Eissport, auch oder insbesondere in der Großstadt.

Ein Gruß aus dem Kaiserreich

Es wird reiner Zufall sein, denn groß hierüber geschrieben oder berichtet wurde – abgesehen von meiner eigenen Staatsexamensarbeit – nie: Es passt wie die Faust auf´s Auge oder die Kufe auf das Eis, dass die Eisbahn auf dem Heumarkt in ein kaiserzeitliches Ambiente eingegliedert ist.

Es ist auch reiner Zufall, dass sich die Eisbahn ausgerechnet um ein Denkmal Kaiser Friedrich Wilhelms III. schlängelt, auf welchem bedeutende militärische und nicht-militärische Koryphäen der frühen Kaiserzeit versammelt sind. Nur am Rande erwähnt: Der Historiker weiß, dass es sich bei dem Denkmal – typisch kölsch – um ein besonders subversives Werk handelt, da es weniger Militärs, als zivile „Helden“ der Zeit darstellte, z.B. Arndt oder die Humboldt-Brüder.

Genau zu dieser Zeit, der frühen Kaiserzeit, etablierte sich das Eislaufen in den Metropolen unseres damals noch jungen Landes und wurde zum Massenphänomen.

Eislaufen war entlang von Gewässern über Jahrtausende hinweg kein Spaß, sondern Notwendigkeit: Zum Jagen und zum Transport von Waren, wenn Eis und Schnee das Leben zum Erliegen brachten.

Dann kam die Industrialisierung und veränderte das Leben der Menschen – insbesondere das der Städter – enorm. Nicht nur die Arbeitswelt, auch das Wohnen, denn immer mehr Menschen strebten in die Städte. Die Räume wurden enger, auch weil immer neue Firmen entstanden.Die Menschheit erfand „Arbeitszeiten“ und den „Feierabend“, wo zuvor der Sonnenauf- und untergang den Tag vorplante.

Eislaufen für die Seele…

Doch die Menschen der Epoche erschufen sich Rückzugsorte, um vor der neuen Realität kurzzeitig die Augen verschließen zu können. Ausgehend von denen, die es sich leisten konnten: Dem neuen gebildeten Bürgertum.

Dieses erfand den „Zoologischen Garten“ und die „Flora“ als Orte des „exotischen Zeitvertreibs“, um abschalten zu können. Und es sorgte dafür, dass Parks angelegt wurden, wie etwa den Kölner Volkspark, in dem man im Sommer spazieren gehen konnte. Wer modern war, der kümmerte sich weniger um die „Leibesertüchtigung“ von „Turnvater“ Jahn, sondern schloss sich britisch-geprägten „Sport“-Clubs an, etwa um Tennis oder Fußball zu spielen.

Im Winter war naturgemäß viel von der Pracht des sommerlichen Lustwandelns und Sporttreibens dahin, aber man wusste sich zu beschäftigen: Mit Bällen und dem Eislaufen im Rahmen von pompösen Eislauffesten.

Für jeden war etwas dabei: Wer Geld hatte, besuchte Feste mit Orchester und Restaurant. Wer in seinen Club-Kreisen bleiben wollte, lief auf einem der unzähligen Tennisplätze, die unter Wasser gesetzt eine Eisfläche bildeten.

Als Geschichtslehrer erkläre ich meinen Schülerinnen und Schülern immer, dass alles was ist, einen historisch-gewachsenen Grund hat. Nicht umsonst wurde das Eis- und Schwimmstadion an der Lentstraße an genau diesem Ort gebaut.

Zuvor war in Riehl/Niehl die „Goldene Ecke“, der Luna-Park, beheimatet: Hierher konnte jeder kommen, denn hier konnte sich jeder das Vergnügen des Schlittschuhlaufens auf vielen kleinen Flächen leisten.

Der Boom in Köln

Insgesamt 14 öffentlich zugängliche Eisbahnen lassen sich bis zum Beginn des 1. Weltkriegs 1914 durch Werbeanzeigen oder Berichten in z.B. der „Kölnischen Zeitung“ – dem Vorgänger des „Kölner Stadt-Anzeigers“ nachweisen.

Abertausende Kölnerinnen und Kölner liefen damals Woche für Woche auf dem Eis – und das bei einer Einwohnerzahl, die weitaus geringer war, als sie es heute ist. Ein boomendes Geschäft für Fachhändler: Schlittschuhhändler siedelten sich etwa auf der Schildergasse an.

Der Vergleich hinkt, weil Eislaufen nicht als “Sport” gesehen wurde; nach heutigen Maßstäben eher als “Ausgehen”. Doch: Es gingen damals in Köln im Verhältnis mehr Menschen am Wochenende eislaufen, als heutzutage Fußballspielen!

Es war ein „Vergnügungsideal“, welches vom Bürgertum vorgelebt, weite Teile der Bevölkerung erfasste und prägte. Auch wenn der Boom in den Schützengräben des ersten Weltkriegs starb – das winterliche Eislaufen, ob im festlichen Ambiente oder aus Spaß an der Freude – hatte sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen und auch der Kölner eingegraben.

Eislauf als Basis des Eishockeys in Köln

Ein deutliches Indiz ist zum Beispiel, dass Henry Schultz, der erste KEK-Eishockeytrainer, im Dezember 1936 ein regelrechtes „Try-Out“ veranstalten konnte, als er nach Spielern für die erste Eishockey-Mannschaft auf dem Eis der „Lentstraße“ suchte.

Aus dem Stehgreif meldeten sich 60 Jugendliche, die mit Schlittschuhen und Hockeystick vertraut waren und für Köln spielen wollten, obwohl die erste Kunsteisfläche gerade erst eröffnet hatte.

Eislaufen ist die gelebte Freude am Winter. Es ist ästhetisch und gehört nicht umsonst auch in den Kanon der Sportarten, die unseren Kindern in der Schule vermittelt werden sollten. Doch das geschieht viel zu oft nicht. Es ist ein Kulturgut, welches in Köln lange Zeit vergessen wurde.

Warum stehen wir Fans Woche für Woche in der Arena und schauen Menschen beim Eishockeyspielen zu? Weil es ein schnelles, ein athletisches, ein hartes, ein spannendes, aber auch ein ungemein ästhetisches Spiel ist. Die Basis von Eishockey ist das Eislaufen der früheren Tage und wir Fans bewundern das Wesen des Sports.

Mit dem Abriss des alten „Eis- und Schwimmstadions an der Lentstraße“ gab es über Jahre keine einzige Eisfläche in Köln – ein kultureller Offenbarungseid angesichts der Größe Kölns.

Nur zufällig brach das kulturelle Gedächtnis mit dem Erfolg der Eisbahn am Heumarkt auf die Bildfläche derer, die den Sport und die Sportstätten in Köln steuern und lenken. Doch der Erfolg und die Wiederholung des Erfolgs zeigt, dass Eissport immer noch Bedeutung hat und Förderung verdient!

Wie sieht es aus mit dir und dem Eislaufen?

Eissport als Kulturgut

Der KEC „Die Haie“ e.V. ist bekanntlich gerade in der Planung, einen barrierefreien Sportpark mit zwei Eisflächen zu bauen. Gemeinsam mit den Eisflächen im neuen Lentpark und im nahegelegenen Bergisch-Gladbach wären dann vier Bahnen im näheren Umkreis verfügbar. Das Vorhaben ist unbedingt zu unterstützen und nicht nur aus Gründen des Eishockeysports.

Die ästhetische Bildung unserer Kinder findet sich auch im Sportunterricht wieder. Und genau dort sollte so vielen Kindern wie möglich auch der Zugang zu Eissport gewährt werden. Hierfür brauchen die Schulen Eis und Eiszeiten.

Der Erfolg der Eisbahn sollte zum weiteren Nachdenken anregen. Die Kühlung einer Eishalle in einem Schulkomplex würde durch die Abwärme das Gebäude heizen und keine großen Mehrkosten verursachen. Angesichts der Tatsache, dass in Köln weitere Schulbauten entstehen müssen, sollte auch über noch weiteres Eis in Köln nachgedacht werden. Gleiches gilt im Übrigen auch für Schwimmbäder.

Eislaufen ist Kulturgut, welches wir erhalten sollten. Es ist Weihnachten also geht mit euren Kindern eislaufen! Auch die Eisbahn auf dem Heumarkt hat noch bis zum 06.01.2019 geöffnet.

Über den Autor: René Guzmán

René hat Haimspiel.de 2003 zusammen mit Dennis gegründet. Mit Tobias hat er die allererste Radioübertragung aus Iserlohn gesendet. Er war Mitglied des Vorstandes des KEC "Die Haie" e.V., 2010 war er an der Organisation der Ausstellung "Powerplay - Eishockey in Köln" zur Eishockey-WM im Deutschen Sport und Olympia-Museum beteiligt, hat seine Staatsexamensarbeit zum Thema "Eishockey in Deutschland bis 1945" verfasst und z.B. das "Wir sind Haie!"-Logo und das Logo des Haie-Fanprojekts entworfen.

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6 Punkte vor Weihnachten – Sieg gegen Krefeld

3 Kommentare

  1. Wolfgang Brauneis
    14.01.2019

    Sehr interessanter Text! Ist es eigentlich geplant die Staatsexamensarbeit als Buch zu publizieren?

  2. Jörg Stelter
    26.12.2018

    Der Artikel ist schön und informativ geschrieben. Habe ihn mit großem Interesse gelesen.
    Bei der Umfrage, wie es mit dem Eislaufen aussieht vermisse ich die Antwortmöglichkeit dass man nur mal sporadisch läuft.
    Die letzte Antwort lässt die Vermutung aufkommen,dass es wohl nicht ganz ernst gemeint ist.

  3. Eishockeyninchen77
    25.12.2018

    Toller Artikel und ja sehe das genauso als wichtig an für die Förderung unserer Jugend. Nur so schaffen wir es Nachwusstalente in Eishockey, Eiskunstlauf und Eisschnelllauf zu entdecken und fördern zu können um auch auf die Augenhöhe mit unseren Nachbarn zu kommen wie z.B unsere Niederländischen Freunde und oder auch auf die von verschiedenen Regionalen Freunden der Alpenländischen Fraktionen zu erreichen.
    Es wären definitiv wichtige und gute Investitionen. Und zu unserer Eisbahn am Heumarkt kann ich nur sagen, einfach traumhaft schön gemacht, verspielt und originell aufgezogen, auch die Curlingbahnen ein Knaller. Hab gestern noch die kleinen Details wahrnehmen dürfen, wo man einfach sagen darf “mit Liebe und Leidenschaft fürs Detail erschaffen worden und wahre Künstler am Werk gewesen” viel zu Schade um es schon am 6.1. Zu beenden – weil “haben wir dann schon Sommer?” Wäre doch toll, wenn die Schulen kurzfristig den Schulsport mal spontan anders planen könnten und dürften und die Stadt dies für die Kids möglich machen würde. Schulausflüge mal anders mit gleichzeitigem Geschichtsunterricht! ;-)

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