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“Ich will in jedem Spiel den Unterschied ausmachen.”

Patrick Hager im Haimspiel.de-Interview - Foto: H. Wöbking
Patrick Hager im Haimspiel.de-Interview - Foto: H. Wöbking

Mit Patrick Hager haben die Kölner Haie einen Volltreffer gelandet. Der 27-jährige Nationalstürmer ist eine Kämpfernatur. Ehrgeizig und selbstbewusst ohne eine Spur von Überheblichkeit. Im Interview wirft er nach dem vergangenen Null-Punkte-Wochenende einen Blick auf die aktuelle Situation des KEC und sucht Erklärungen, aber keine Entschuldigungen.

Patrick, wie war das Training diese Woche?

Wir haben mehr Zweikämpfe trainiert als in den Wochen zuvor, in denen wir mehr am System gearbeitet haben. Wir haben versucht, die kleinen Schwachstellen, die wir über das vergangene Wochenende aufgezeigt bekommen haben, in den Griff zu bekommen. Ich denke, dass alle Jungs gut mitgezogen haben und wir für das kommende Wochenende gut präpariert sind.

Du wirst wegen deiner Sperre aus dem Augsburgspiel am Freitag in Wolfsburg fehlen. Wie sehr ärgert dich das?

Die Entscheidung muss ich respektieren. Nachvollziehen kann sie keiner, der die Bilder gesehen hat. Oder nur die wenigsten. Jetzt fehle ich zwar das eine Spiel, aber der Kader ist tief genug, um das kompensieren zu können. Am Sonntag in Krefeld bin ich dann ja wieder dabei.

Deine Reihe mit Philip Gogulla und Ryan Jones funktioniert herausragend gut. Was sind deiner Meinung nach die Gründe für eure gute Chemie?

Wir sind alle drei unglaublich ehrgeizig und bringen genug Talent mit, um erfolgreich spielen zu können. Das Entscheidende ist aber immer die Arbeitseinstellung. Wenn sich eine Reihe findet, die Talent mitbringt und gleichzeitig eine gute Arbeitseinstellung hat, aggressiv ist, die Zweikämpfe annimmt und sich nicht nur aufs Talent verlässt, dann ist das eine im positiven Sinne gefährliche Mischung. Momentan funktioniert es super bei uns. Aber ich hätte lieber ein paar Punkte unserer Reihe weniger für ein paar Punkte mehr auf dem Mannschaftskonto. Wir haben aber eine gute Mannschaft. Wir werden uns natürlich steigern müssen in den nächsten Wochen. Noch ist es in der Tabelle eng. Am vergangenen Wochenende haben wir ein „Hallo wach!“ bekommen. Da muss man jetzt aber nicht in Panik verfallen. Wir müssen anfangen, konstanter gut zu spielen. Dann können wir in dieser Saison Erfolg haben.

Wenn dir vor der Saison mit Blick auf den gesamten Kader jemand gesagt hätte, dass die Reihe Gogulla-Hager-Jones die torgefährlichste Reihe des KEC wird, was hättest du dem gesagt?

Ich hätte ihm gesagt, dass das durchaus möglich ist. Der Gogi [Philip Gogulla, Anm.d.Red.] hat in der Vergangenheit Jahre gehabt, in denen er 20 Tore und aufwärts geschossen hat. Ich habe letztes Jahr 22 geschossen und bin bislang nur in zwei Saisons unter 10 Toren geblieben. Ryan Jones hat in der NHL zweimal fast 20 Tore geschossen. Deswegen glaube ich, dass die Reihe von vorneherein viel Potential hatte. Klar, die Experten werden den einen oder anderen Spieler höher eingeschätzt haben. Da kann man ja unterschiedlicher Ansicht sein. Ich denke, die Reihe ist zusammengestellt worden, um zu produzieren. Von daher denke ich, dass wir die Erwartungen bisher erfüllt haben.

Findest du dich mit deinem langjährigen Attribut „Defensivstürmer“ heute noch adäquat beschrieben?

Ich sehe mich schon noch als Defensiv-Spieler. Ich glaube, ich bin in meiner Spielweise einfach gereift. Früher hatte ich vorrangig Defensiv-Aufgaben. Speziell im Meisterjahr mit Ingolstadt habe ich immer gegen die Top-Formationen der Gegner gespielt. Vor allem natürlich auch, weil sich in den ersten beiden Reihen Kombinationen gefunden haben, die funktioniert haben. Deswegen bin ich einfach ein Zwei-Wege-Spieler, der sowohl defensiv Verantwortung übernimmt, aber inzwischen eben auch in der Offensive durchschlagskräftig sein und scoren kann. Das ist auch der Anspruch, den ich an mich habe. Ich will nicht nur ein Spezialist sein. Das kannst du nur sein, wenn du beide Seiten des Eises effektiv spielst. Genau das versuche ich.

Nehmt ihr als Reihe den Druck jetzt wahr, dass von euch erwartet wird abzuliefern? Speziell wenn es bei den anderen nicht so rund läuft?

Grundsätzlich habe ich immer den Anspruch an mich, in jedem Spiel den Unterschied auszumachen. Und so wie ich den Philip und den Ryan kenne, ist es bei denen nicht anders. Ich denke, das ist der Ansatz den man braucht, wenn man erfolgreich sein will, dass man aufs Eis geht, um den Unterschied auszumachen. Klar gelingt das in manchen Spielen besser und in anderen weniger. Die Einstellung haben wir aber eigentlich alle in der Kabine. Und ja, bei manchen von uns funktioniert das im Moment noch nicht so gut, bei anderen funktioniert es besser, aber wenn wir da in den nächsten Wochen auf Kurs kommen, dann können wir eine erfolgreiche Saison spielen.

Wie würdest du den Saisonverlauf bis hierher zusammenfassen?

Ich würde sagen, dass die Saison bisher leider Gottes von Inkonstanz geprägt ist. Wir hatten Auftritte, wo wir wirklich sehr gute Spiele machen, sehr konzentriert spielen. Das wechselt sich leider zu häufig mit Auftritten ab, wo wir uns teilweise selber schlagen. Natürlich gab es auch Spiele, wo man einfach dem Gegner Respekt zollen muss, weil er einfach besser gespielt hat. Gerade das Spiel in Ingolstadt zum Beispiel. Da waren wir chancenlos. Da haben wir wirklich nicht gut gespielt. Aber wir hatten auch Spiele – vor allem vor der Pause – wie gegen Augsburg und Straubing, in denen wir optisch überlegen waren, uns viele Chancen herausgespielt haben, aber den Gegner im Spiel gelassen haben, weil wir die Chancen nicht genutzt haben. Da haben wir uns nach hinten raus selber geschlagen. Das ist eine Entwicklung, die wir als Mannschaft machen müssen. Wir sind ein neuer Haufen, der hier zusammengewürfelt ist. Wir haben uns in der Vorbereitung relativ gut gefunden. Phasenweise hatten wir in der Saison auch gute Wochenenden. Aber die Konstanz findest du natürlich erst, je länger du zusammenspielst. Das ist unsere große Aufgabe, die wir jetzt bis Weihnachten oder Neujahr angehen wollen.

In dieser Mannschaft steckt irrsinnig viel Talent –

Ja, aber das ist genau der falsche Ansatz. Talent allein wird dir keine Spiele gewinnen. Und schon gleich dreimal nicht in den Playoffs. Es geht um Kampfgeist. Und wenn du dann dazu noch Talent hast, kannst du eben vielleicht den einen Schritt weiter gehen als ein anderer, der hauptsächlich vom Kampf lebt. Aber das wichtigste ist im Eishockey die Einstellung. Wie in jedem Sport. Man muss die Zweikämpfe suchen und die Zweikämpfe gewinnen wollen. Wenn du dann noch Talent hast, kannst du nach dem Zweikampf vielleicht noch den Pass spielen, den wer anders vielleicht nicht spielt. Dann bist du eine gefährliche Mannschaft. Was die Arbeitseinstellung angeht, haben wir dieses Jahr viel richtig gemacht und viele gute Spiele abgeliefert, aber manchmal spielen wir auch einfach zu kompliziert, zu viel außen rum, schießen zu wenig. Das sind aber alles Dinge, die wir in den letzten Wochen schon analysiert haben, an denen wir im Training arbeiten und von denen wir wissen, dass wir da besser werden müssen. Das ist ein Prozess. Das muss sich entwickeln. Natürlich stehen wir im Moment nicht da, wo wir stehen wollen. Wir wissen aber auch, dass wir die Möglichkeit haben, das in den nächsten Wochen selber zu ändern. Wir sind auf keine Hilfe angewiesen. Wir sind stark genug, um mit zwei oder drei Siegen wieder da hinzukommen, wo wir hinwollen. Wir wissen, dass wir Arbeit vor uns haben. Deswegen wollen wir jetzt nicht in Panik verfallen.

Ryan Jones hat nach dem Düsseldorf-Spiel gesagt, dass ihr nicht gut mit „Momentum-Swings“ umgehen könnt, sprich wenn ein eigentlich von euch kontrollierter Gegner durch irgendeinen Auslöser plötzlich Oberwasser bekommt. Was passiert da bei euch in solchen Situationen?

Das ist schwer zu erklären. Das ist immer wieder ein Phänomen im Sport. Du machst dein Spiel, und auf einmal fällt aus irgendeiner Situation ein blödes Gegentor. Die Stimmung kippt in der Halle. Dann kriegst du vielleicht noch eine Strafe. Dann fängst du vielleicht an, Situationen falsch zu lesen oder im schlechtesten Fall die Brechstange rauszuholen. Für viele Spieler von uns ist das ein neues System jetzt hier. Erst wenn man ein System über eine gewisse Zeit spielt und man gefestigt in dem System ist, dann fällt es schwerer, von dem System abzuweichen. Wir spielen dieses System mit dieser Mannschaft jetzt seit Anfang August. Das ist im Eishockey gesehen eine relativ kurze Zeit. Es ist genug Zeit, dass jeder um das System weiß, es beherrscht und es spielen will. Aber im Spiel ist es manchmal so, dass Dinge automatisch passieren müssen, dass du nicht mehr nachdenken musst. Bei uns ist es manchmal noch so, wenn man in eine schwierige Situation kommt, dass ein bisschen zu viel überlegt wird. Dann kommt man eben den Schritt zu spät. Es ist dann so, dass wir langsam aussehen, aber aus meiner Sicht ist es so, dass wir dann einfach zu viel überlegen oder zu viel denken. Wir haben jetzt Dezember. Das muss jetzt besser werden. Das Potential ist da. Gerade jetzt im Dezember und Januar entscheidet sich jedes Jahr, wer in welche Richtung geht. Da wollen wir natürlich jetzt gut in den Monat starten.

Rächen sich auch ein wenig die Vorschusslorbeeren, den dieser Kader vor der Saison bekommen hat?

Dieses Jahr ist es wirklich schwer. Die anderen Mannschaften wissen um unsere Qualität. Ich glaube, bis auf Mannheim und Hamburg ist noch keiner hier in die Arena gekommen, der wirklich mitspielen wollte. Der Rest spielt relativ defensiv in Köln. Das macht es uns natürlich auch nicht einfacher, Tore zu schießen. Es ist oft so, dass wir optisches Übergewicht haben, weil der Gegner mehr auf Verteidigung aus ist und auf Konter spekuliert. Da ist dann immer die Frage, wie geduldig sind wir und wie schlau gehen wir mit diesen Situationen um. Da geht es dann wieder darum, die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen. Da sind wir dieses Jahr oft genug und vor allem zuhause bestraft worden. Wir müssen da noch lernen, ruhiger zu bleiben und auf unsere Chancen zu warten.

Verlasst ihr euch in der Defensive gelegentlich ein bisschen zu sehr auf Gustaf Wesslau?

Wir wissen natürlich, dass wir einen guten Goalie haben. Aber umso wichtiger ist eigentlich, noch besser hinten zu stehen und noch weniger Chancen zuzulassen. Wir haben allerdings zu viele Großchancen zugelassen. Die resultieren aus individuellen Fehlern, die wir in der eigenen Zone machen, wenn wir zu aggressiv in die Ecken gehen. Wir spielen ein sehr aggressives System in der eigenen Zone. Da müssen wir Situationen einfach besser lesen. Da passieren noch zu oft kleine Fehler, die große Konsequenzen haben. Das müssen wir abstellen.

Fakt ist, kein anderer Goalie in der Liga bekommt im Schnitt pro Spiel so viele Schüsse aufs Tor wie Gustaf Wesslau. Das sind natürlich dann nicht alles Großchancen, aber die Schüsse kommen durch. Sagt das nicht doch im Grundsatz etwas über euer Defensivverhalten?

Ja, natürlich. Wir leben davon, in unserer eigenen Zone so schnell wie möglich wieder in Scheibenbesitz zu kommen. Wir versuchen, bei fünf gegen fünf Überzahl in den Ecken zu kreieren. Wenn du es dann nicht schaffst, die Scheibe zum Stillstand zu bringen, steht zwangsläufig irgendwo einer frei. Da sind wir wieder bei dem Punkt, dass viele Spieler hier ein neues System spielen, bei dem die Abstimmung sehr sensibel ist. Wann gehe ich, wann bleibe ich. Dafür musst du ein Gefühl kriegen. Wir haben im Training jetzt versucht, das Ganze ein bisschen klarer zu gestalten und manchmal vielleicht auch ein bisschen passiver zu sein, in gewissen Situationen nicht mehr ganz so aggressiv zu sein, um eben genau diese vielen Schüsse wegzunehmen. Daran haben wir gemeinsam mit dem Trainerteam gearbeitet und müssen jetzt am besten schon an diesem Wochenende zeigen, dass es gefruchtet hat.

Du sagst, ihr wollt nicht in Panik verfallen, aber wie sehr sind die beiden anstehenden Partien in Wolfsburg und Krefeld „must win“-Spiele?

Man tut natürlich gut daran, in der Hauptrunde so viele Spiele wie möglich zu gewinnen. Aber ein „must win“? Da es in der gesamten Liga keine vermeintlich leichten Gegner mehr gibt, wäre es vermessen, davon zu sprechen. Wolfsburg ist in der Liga eins der schwersten Auswärtsspiele. Auch Krefeld wird kein einfaches Spiel. Das ist ein Derby. Die Halle wird wahrscheinlich gut gefüllt sein. Natürlich fahren wir dieses Wochenende da hin und sagen, wir wollen jedes Spiel gewinnen. Das haben wir letzte Woche auch gesagt. Uns ist aber natürlich klar, dass sich – mit Blick auf die Tabelle und der Erwartungshaltung und der Situation hier – die Erfolge jetzt einstellen müssen.

Wir bedanken uns bei Patrick Hager für das Interview.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für "the best interview I ever did". Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman "Auf Eis" vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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