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Was sich unter Peter Draisaitl geändert hat

KEC-Headcoach Peter Draisaitl - Foto: Alexandra Schmitz
KEC-Headcoach Peter Draisaitl - Foto: Alexandra Schmitz

Es sind erst drei Spiele unter dem neuen Headcoach und somit ist es noch zu früh, um von einem anhaltenden Trend oder gar über eine Wende in der Saison zu sprechen. Dafür muss sich die Leistung der Mannschaft erst noch konsolidieren. Aber es ist ein gelungener Anfang, dem eine Basis zugrunde liegt, auf der sich aufbauen lässt.

Weniger Risiko in der Defensive

Die auffälligste Änderung unter Peter Draisaitl ist die Umstellung vom 2-1-2 unter Cory Clouston auf ein 1-2-2. Das bedeutet: Nach Scheibenverlusten in der Offensivzone mehr Absicherung nach hinten als weiter Druck nach vorne. Die Verteidiger pinchen nicht mehr um jeden Preis, sondern orientieren sich im Zweifelsfall auf Nummer sicher in Richtung neutrale Zone. Genau wie im alten System ist es hierbei aber existentiell, die Lücke zwischen Stürmern und Verteidigern nicht zu groß werden zu lassen, weil man sonst Tür und Tor für Konter öffnet. Es ist hohe Laufbereitschaft der Stürmer im Backcheck gefragt.

Die Umsetzung von Draisaitls System hat sich in den bisherigen Partien von Spiel zu Spiel verbessert. Die Menge an Gegentoren, die sich die Haie in der Vergangenheit durch Konter eingefangen haben, wollte man adressieren und ist auf einem guten Weg damit. Die Stichworte „kompakt“ und „Fünf-Mann-Einheit“ sind nicht neu, erfahren aber unter Draisaitl einen aufgefrischten Fokus, den die Mannschaft angenommen zu haben scheint.

Sichtlich wach im Kopf

Das pomadige, fehlerbehaftete Spiel der letzten Wochen ist konzentrierten Auftritten gewichen. Wo man zuletzt nicht nur zu viel Zeit für Entscheidungen an der Scheibe gebraucht hat, um dann auch noch zu oft die falschen zu treffen, hat allmählich wieder Spielfluss Einzug gehalten. Automatismen können so kurz nach einer Systemumstellung zwangsläufig noch nicht greifen, also sind hellwache, aufmerksame Köpfe gefragt, die einander richtig lesen. Im Ergebnis wurden die Turnover signifikant reduziert, auch wenn vereinzelte Missverständnisse noch auftreten.

Dieses Level an Konzentration aufrechtzuerhalten, wird eine der wichtigsten Aufgaben für die Mannschaft sein. Nachlässigkeiten werden auch in dieser Liga umgehend bestraft. Peter Draisaitl hat sein Team dazu angehalten, geduldig zu sein und auf die Fehler des Gegners zu warten. Ein Ansatz, der auch gegen die Kölner Haie Anwendung findet. Sich von der Angst vor eigenen Fehlern nicht lähmen zu lassen, ist Ausdruck mentaler Stärke. Und die scheint sich über die letzten Partien wieder ein Stück weit regeneriert zu haben, denn komplette Einbrüche nach Gegentoren blieben aus.

Aggressivität und Puck-Support

„Es geht darum, läuferisch und kämpferisch zu bestehen“, hatte Peter Draisaitl nach dem gewonnenen Derby am Sonntag gesagt. Zumindest in den ersten drei Partien unter seiner Regie hat sich das Zweikampfverhalten verbessert und damit auch der Erfolg in Kämpfen um die Scheibe in der Bande deutlich gesteigert. Nicht nur der Einsatz eins gegen eins erfolgte jetzt deutlich aggressiver, auch der Support durch die Mitspieler war präsenter. Ebenfalls auffällig die vielen cleveren, kleinen Pick-Plays, um dem scheibenführenden Mitspieler den Laufweg freizublocken, wenn auch gelegentlich hart an der Grenze zur Behinderung. Der Durchsetzungswille und die Aufmerksamkeit waren da.

Draisaitl als „Neuer Besen“-Faktor

Neue Stimme, neue Ansprache, neue Drills im Training – die typischen Effekte eines Trainerwechsels sind nicht spurlos an der Mannschaft vorbeigegangen. Es ist sichtlich Leben auf die Bank zurückgekehrt. In einer für die Haie perfekten Welt schafft es Peter Draisaitl, den „Neuer Besen“-Faktor verlustfrei in Routine übergehen zu lassen. Die von ihm angekündigte Härte im Umgang mit den Spielern will wohldosiert sein, um sich nicht zu schnell abzunutzen. Hier wird es aber vor allem bei der Mannschaft liegen, die wiedergewonnene Energie zu konservieren und konstanter aufs Eis zu bringen, persönliche Befindlichkeiten hintenanzustellen und wieder einen gemeinsamen Ehrgeiz zu entwickeln.

Individuelle Leistungsgrenzen erreichen

Peter Draisaitl hat sich zufrieden über die Entwicklung in den ersten drei Partien gezeigt, aber auch nach jedem einzelnen Spiel unterstrichen, dass man noch lange nicht am Ziel ist. Das gilt sowohl für die Mannschaft als Ganzes als auch für einzelne Akteure auf dem Eis. „Wir müssen noch Zeit finden, mit ein paar der Jungs zu reden. Es ist bei einigen mit Sicherheit noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht“, so der Kölner Headcoach.

Die Frage nach dem individuellen Vermögen stellt sich aber nicht zuletzt auch beim Cheftrainer selbst. Einen Draht zur Mannschaft zu entwickeln und „Druck vom Kessel zu nehmen“, wie es Moritz Müller formulierte, war nur der erste Schritt. Sobald die Systemanpassungen etabliert sind, wird das Augenmerk von außen auch darauf gerichtet sein, wieviel taktische Finesse und Fähigkeit zu akuter Problemlösung in Draisaitl als Trainer steckt. Spätestens in den Playoffs wird das eine Aufgabenstellung werden. „Was Peter Draisaitl reinbringt, ist Cleverness“, so Sebastian Uvira. Womöglich kann man diese Aussage als Indiz nehmen.

Erfrischende Bodenständigkeit

Die Haie bieten in dieser Saison einen runden, sehr talentierten Kader auf. Cory Clouston hatte immer wieder – und das zuletzt ohne Erfolg – die Top-Spieler in die Pflicht nehmen wollen. „Deine besten Spieler müssen deine besten Spieler sein“, so das Mantra des Kanadiers. Und so waren es auch die beiden Top-Reihen, denen er die Hauptverantwortung übertrug.

Auch Peter Draisaitl ist überzeugt von der Qualität des Kaders, formuliert aber mit einem anderen Unterton. „Wir sind zwar die Kölner Haie, aber auch die gewinnen heutzutage nichts mehr, wenn es nur ums nackte Talent geht“, so Draisaitl, und: „Es ist immer noch ein Hockeyspiel, in dem es immer noch darum geht, läuferisch und kämpferisch zu bestehen.“ Keine bahnbrechend neue Erkenntnis, aber zumindest ein erfrischend bodenständiger Perspektivwechsel von „Wir sind gut genug besetzt, um erfolgreich zu sein“ zu „Ohne harte Arbeit geht gar nichts.“

Draisaitl verteilte die Verantwortung zumindest in den ersten drei Spielen auf deutlich mehr Schultern, so dass sich auch die dritte und vierte Reihe bei einem Offensivbully wiederfand oder die vierte Reihe den ersten, immer wichtigen Wechsel nach einem Gegentor bekam oder das Ende eines Powerplays absolvieren durfte. Zwar griff auch er zum altbewährten Mittel, die Bank auf die Top-Formationen zu kürzen, wenn man gegen Ende einer Partie hinten lag, aber die grundsätzliche Philosophie, was die Eiszeiten angeht, unterscheidet sich sichtlich von Cory Cloustons.

Was die Mannschaft daraus macht

Der Trainerwechsel als Schuss vor den Bug ist angekommen. Mit den neuen Werkzeugen, wie dem veränderten System und dem frischen Wind in der Kabine und hinter der Bande, bleibt nun abzuwarten, was die Mannschaft mittel- bis langfristig daraus macht. Es wird eins auf dem anderen aufbauen müssen. Die Ansätze zur Stabilisierung der Defensive sind da. Das Selbstvertrauen an der Scheibe kann damit nach und nach wieder zurückkommen. Die Sicherheit im Spielaufbau und nicht zuletzt die Souveränität beim Abschluss vor dem Tor wären die folgenden Konsequenzen. Zudem kehrt mit der gesteigerten Energie auf dem Eis auch sichtlich der Spaß am Spiel zurück. Und das könnte bei einer zuletzt mental fragilen Mannschaft einer der wichtigsten Faktoren werden, um die Negativ-Spirale zu durchbrechen.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für “the best interview I ever did”. Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman “Auf Eis” vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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2 Kommentare

  1. Lucas Bertram
    27.11.2017

    Ich finde man kann in den ersten Spielen unter Draisaitl schon Veränderungen erkennen.Es werden weniger Tore zugelassen und man spielt sicherer.Es wird wieder Eishockey in Köln gespielt

  2. Alexander
    27.11.2017

    Der Wille zu siegen ist zu spüren,wir sind wieder eine Mannschaft Grüppchenbildung gibt es keine mehr woran Draisaitl sowie Brandl großen Anteil haben das kommt schon rüber wenn man beide Trainer mal neben dem Spiel trifft z.b.zählen da noch Werte wie Hände schütteln was ich bei manchen vermisse.

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