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„Ohne drei Stamm-Center zu spielen, macht einen großen Unterschied.“

KEC-Headcoach Cory Clouston - Foto: Andreas Dick

Bevor die DEL nach Beendigung der Länderspielpause ihren Betrieb wieder aufnimmt, trafen wir KEC-Headcoach Cory Clouston zum Interview um zu erfahren, wie man im Trainingszentrum die spielfreie Zeit zur Aufarbeitung der letzten Spiele genutzt hat und was der Blick nach vorn hergibt.

Herr Clouston, war die Pause hilfreich oder hätten Sie lieber weitergespielt?

Die Pause kam zu einem guten Zeitpunkt. Immerhin ein Spieler hat seine Verletzung auskurieren können: Blair Jones wird morgen ins Line-Up zurückkehren. Die anderen drei, vier Verletzten wahrscheinlich noch nicht. Die Chancen stehen aber ganz gut, dass zum kommenden Wochenende noch ein paar Spieler wieder einsatzfähig sind. T.J. Mulock zum Beispiel ist für morgen noch fraglich, könnte aber am Wochenende wieder dabei sein. Wir bekommen also Tiefe auf der Center-Position zurück. Ohne drei Stamm-Center zu spielen, macht einen großen Unterschied. Es haben auch einige Spieler angeschlagen gespielt. Wir waren personell knapp, deswegen mussten einige der Jungs zu viel Eiszeit übernehmen. Sie brauchten jetzt ein bisschen Zeit zur Regeneration. Wir sind jetzt definitiv gesünder als wir es zu Beginn der Länderspielpause waren.

Was haben Sie aus den letzten Partien vor der Länderspielpause an Erkenntnissen mitgenommen?

Wir haben ein paar Dämpfer kassiert in einigen Spielen. Gegen Bremerhaven schießen wir ein Tor eine Zehntelsekunde zu spät. Gegen Berlin prallt der Gamewinner von Kai Hospelts Schlittschuh in unser Tor. Das waren ansonsten eigentlich enge Spiele. Wenn ein paar Schlüsselspieler verletzt fehlen, dann passiert sowas manchmal. Man ist vielleicht nicht ganz auf den Punkt. Man hat Jungs, die nicht auf ihren angestammten Positionen spielen. Das kann man für ein oder zwei Spiele schaffen, aber nicht über einen längeren Zeitraum. Der Ausfall von Potter wiegt zum Beispiel schwer. Er ist in der Defensive ein wichtiger Stützpfeiler. Er spielt Unterzahl und ist eine physische Präsenz. Potter, Bolduc und Blair Jones sind große, schwere, physisch starke Spieler, die uns fehlen. Es ist einfacher gegen uns zu spielen, wenn sie nicht im Line-Up sind. Was also die letzten Spiele angeht, müssen wir natürlich trotzdem Wege finden, um solche Spiele zu gewinnen. Niemand hat Mitleid mit einem, wenn man Verletzungsausfälle hat. Andere Teams haben auch Verletzungsausfälle. Manchmal steckt man selbst zahlreiche Ausfälle einfach weg, aber wenn einem drei Center fehlen, dann ist das keine Kleinigkeit. Die Center-Position ist so wichtig. Der Center kreiert die Chemie der gesamten Reihe. Auch Bullys spielen eine große Rolle, wenn man drei Jungs verliert, die eine gute Quote haben. Wir haben mit Jones und Mulock zwei Rechtshänder am Bully-Punkt verloren. Das macht einen großen Unterschied. In den letzten sechs oder sieben Spielen ist unsere Bully-Quote bei 42 oder 43%. Vielleicht sogar niedriger. Man muss bei 50% liegen. Also ist auch noch dieser Bereich abgerutscht. Wir starten also in viele Wechsel ohne Scheibenbesitz. Wenn man drei Center verliert, dann zieht sich der Effekt durch viele Bereiche. Nochmal: Das ist keine Entschuldigung, aber es hat großen Anteil daran, was gerade passiert. Unser Ziel ist, so schnell wie möglich wieder gesund zu werden und die aktuellen Widrigkeiten zu nutzen, um ein besseres Team zu werden. Darauf liegt unser Fokus. Wir versuchen ein besseres Team zu werden, bessere Chemie untereinander zu entwickeln und als Mannschaft an den Herausforderungen zu wachsen.

Sie kritisieren also nicht den Einsatzwillen in der Mannschaft?

Man kann sich natürlich immer in allen Bereichen steigern. Coaching, Torwartleistung, Abwehrverhalten, Offensive – in allem kann man sich noch steigern. Wir haben zum Beispiel bis eben hier ein paar Wechsel im Video analysiert, in denen wir viel Zeit in der offensiven Zone verbracht haben, die Scheibe gut behauptet und mit guter Energie gespielt haben, aber es gibt immer Bereiche, in denen man etwas besser machen kann, um mehr und bessere Chancen zu kreieren. Der Charakter und der Einsatzwille waren meistens da, aber es ist insgesamt offensichtlich nicht genug. Wir brauchen also von jedem einzelnen mehr. Systemumsetzung, Einsatz – in allen Bereichen können wir uns noch steigern.

Christian Ehrhoff äußerte, dass es Spiele gab, in denen nicht alle „an Bord“ waren, was die Systemumsetzung und das Einhalten des Gameplan angeht. Das habe das Selbstbewusstsein der kompletten Mannschaft angekratzt. Sehen Sie das auch so?

Zeitweise, ja. Es ist zwar ein Klischee, aber es ist nunmal einfach so: Deine besten Spieler müssen deine besten Spieler sein. Das Schwierige ist, wenn man einen dezimierten Kader hat, dann gibt es manchmal Verschleiß bei diesen Spielern. Erst recht, wenn man in einer solchen Phase sechs Spiele in zwölf Tagen absolvieren muss. Da spielt also manchmal auch einfach mentale und physische Müdigkeit eine Rolle. Das sieht dann wie mangelnder Einsatz aus, kann aber auch einfach Ermüdung sein. Auch hier: Das ist keine Entschuldigung. Trotzdem müssen unsere besten Spieler unsere besten Spieler sein. Wir brauchen Jungs, die ihre Rolle auf den Punkt ausführen, sei es in Unterzahl oder in jeder anderen Situation. Jeder muss sein Potenzial ausschöpfen, ob das nun in der ersten oder in der vierten Reihe ist. Es ist egal, ob jemand sieben oder zwanzig Minuten Eiszeit hat. Jeder muss sein Bestes geben. Unsere besten Spieler müssen einen Gang hochschalten und uns als Mannschaft anführen.

Den Eindruck von mangelnder Haltung oder fehlender Einstellung in Teilen der Mannschaft, wie vom Kapitän angesprochen, teilen Sie also nicht?

Auch das ist immer steigerungsfähig. Aber Menschen, Spieler – jeder reagiert ein bisschen anders auf Widrigkeiten oder darauf, dass es nicht läuft. Wenn einem Selbstvertrauen fehlt, dann äußert sich das manchmal in etwas, das wir „freeze“ nennen. Wenn man keine Erfolgserlebnisse hat, wenn man am Schläger verkrampft, wenn das Selbstvertrauen und der „flow“ fehlen, dann wirkt es bei manchen Spielern bisweilen so, also würden sie nicht hundertprozentigen Einsatz bringen. Nochmal: Wir brauchen von allen mehr Einsatz. Aber zum großen Teil ist es eine Frage des Selbstvertrauens, den eigenen Rhythmus im Spiel und im Team wiederzufinden. Dazu gehört auch, Spieler im Line-Up wieder auf den Positionen einsetzen zu können, auf die sie gehören. Dass Blair Jones ins Line-Up zurückkehrt, verbessert nicht nur die Reihe, in der er spielt, sondern automatisch eben auch die Reihen hinter ihm, weil Spieler in ihre vertrauten Positionen und Rollen zurückkehren können. Die Rückkehr eines einzigen Spielers kann einen großen Effekt haben, besonders wenn es ein Center ist. Ähnliches gilt für die Verteidiger, wenn man hier seine Paare eigentlich gefunden hat. Kehrt ein Verteidiger des Top-Paars ins Line-Up zurück, dann verbessert das logischerweise die Verteidiger-Paare zwei und drei. Es macht einen großen, großen Unterschied, je nachdem wer verletzt ausfällt. Natürlich müssen auch wir Coaches Wege finden, verlorenes Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Ich glaube, das haben wir ganz gut hinbekommen. Wir hatten eine gute Trainingswoche. Wir versuchen, so positiv wie möglich zu bleiben. Wir hatten jede Menge Meetings und Gespräche. Wir hatten viele Gruppen-Diskussionen und Einzelgespräche. Wir müssen mehr Druck auf unsere besten Spieler ausüben und unsere Erwartungen an sie sowie ihre eigenen Erwartungen an sich selbst erhöhen.

Ging es in den Einzelgesprächen mit den Topspielern eher um den Aufbau von Selbstvertrauen oder um die eben angesprochene Erhöhung des Drucks und der Erwartungshaltung?

Beides. Natürlich muss man manchmal jemandem – Entschuldigung für den Ausdruck – einen Tritt in den Hintern geben. Aber im selben Moment macht man mit dem Gespräch darüber, dass man mehr von jemandem erwartet, klar, dass man demjenigen auch mehr zutraut. Wenn sich ein Spieler und der Coach gegenübersitzen, dann schafft das die Basis für mehr Selbstvertrauen. Schlimm für einen Spieler ist es, wenn diese Auseinandersetzung nicht stattfindet, weil man ihm damit signalisiert: Es lohnt sich nicht, Zeit und Mühe in dich zu investieren. So ein Einzelgespräch ist also ein positives Signal. Es bedeutet, dass das Team sich auf dich verlässt und dir Verantwortung überträgt. In einigen dieser Gespräche ging es also um beides. Einige von den Gesprächen waren nur ein Tritt in den Hintern, aber in einigen ging es eben auch darum, Spieler daran zu erinnern, was ihren Erfolg in der Vergangenheit ausgemacht hat. Wir geben ihnen ganz konkret Bereiche, an denen sie arbeiten müssen und die sie verbessern müssen, um wieder erfolgreich zu sein. Das ist niemals persönlich. Wir sitzen hier, schauen gemeinsam Beispielsituationen im Video an und reden darüber. Selbstvertrauen kann man jemandem nicht einfach geben. Man muss jemandem Wege aufzeigen, in die richtige Richtung vorwärts zu gehen. Viel kommt auch vom jeweiligen Spieler selbst. Zum Beispiel gute Trainingseinheiten zu haben und ein gutes Gefühl für sich selbst zu generieren, und dieses Gefühl vom Training mit ins Spiel zu nehmen.

Früher in der Saison gab es nach schlechten Spielen deutliche Antworten und deutliche Steigerungen in der jeweils folgenden Partie. Direkt vor der Länderspielpause gab es in den Spielen durchweg mindestens ein, wenn nicht zwei Drittel, die weit unter Normalniveau waren.

Wir haben ein paar Spiele in Folge schlecht gespielt. So eine Folge von Spielen hat jedes Team in jeder Saison mal. Wir haben Spiele verloren, die wir hätten gewinnen können und umgekehrt. Wir konzentrieren uns jetzt ausschließlich darauf, was wir besser machen können. Was können wir aus diesen Spielen lernen? Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass es nicht notwendigerweise darauf ankommt, wie man in eine Saison startet, sondern wie man sie beendet. Wenn jetzt ein paar Spieler ins Line-Up zurückkehren, dann gibt uns das auch mehr Möglichkeiten, zum Beispiel Eiszeit anders zu verteilen. Aus Sicht des Coaches heißt das, wenn jemand nicht hundert Prozent gibt, dann hat man die Möglichkeit, andere Reihenkombinationen auszuprobieren oder mal jemanden einen Wechsel lang auf der Bank zu lassen oder ein Drittel lang auf der Bank zu lassen. Wenn wir gesünder sind, dann haben wir deutlich mehr Möglichkeiten.

In der Off-Season habe ich mit Mark Mahon über die Neuzugänge gesprochen und darüber, ob und wie Sie Ihr System an das neue, deutlich offensivere Personal anpassen. Er hat dazu gesagt, dass die Defensive in Ihrer DNA liegt. Im Grundsatz ist jetzt zwar noch das System aus dem Vorjahr, aber in der Offensive gibt es offensichtlich mehr kreativen Freiraum.

Es stimmt schon, dass die Defensive in meiner DNA liegt. Nehmen wir das letzte Wolfsburg-Spiel, dann war das in meinen Augen das bislang beste Spiel in der Defensive. Wir haben gerade mal 14 Torschüsse zugelassen und trotzdem fünf Tore erzielt. Am System haben wir nur Kleinigkeiten geändert. Die Neuzugänge sind in ihrem Naturell alle offensiver ausgerichtet als die Spieler, die sie ersetzen. Wir müssen defensiv wieder besser spielen, damit wir mehr Zeit in der Offensivzone verbringen können und unsere Offensiv-Spieler zum Zuge kommen. Es geht nicht darum, defensiv zu denken. Wir haben unser System und unsere Struktur. Wir wollen, dass unsere Offensiv-Spieler im Angriffsdrittel kreativ sind. Wir müssen wieder konsequenter unsere Struktur im eigenen Drittel halten, um uns mit unseren Breakouts vorne Raum und Chancen zu generieren. Unsere beiden Tore gegen Bremerhaven sind ein perfektes Beispiel dafür, wie wir es uns wünschen. Beide Tore entstanden aus einer perfekten Defensiv-Struktur heraus. Wir wollen, dass sich unsere Verteidiger in den Angriff einschalten. Das nennen wir die „zweite Welle“. Es hat sich von meiner Seite aus nichts daran geändert, dass wir aus einer soliden Defensive heraus agieren und die Scheibe schnell nach vorne bringen wollen. Die Spiele, in denen wir unsere besten Defensivleistungen gebracht haben, waren auch unsere besten Spiele offensiv. Dahin müssen wir wieder zurück.

Trotz knappem Personal haben Sie in den vergangenen Spielen die Reihenkombinationen geändert. War das in den betreffenden Partien als Weckruf an die Mannschaft gedacht?

Wir hatten zwischenzeitlich nur zehn Stürmer. Und wir hatten auch nicht genug Verteidiger, die im Sturm hätten aushelfen können, so wie wir es vor zwei Jahren mit Lüdemann und Zerressen gemacht haben. Viel hatte damit zu tun, die Eiszeit zu verteilen. Wenn man nur mit drei Sturmreihen spielt, dann kann nicht eine Reihe nur 12 Minuten haben. Gleichzeitig spielen Jungs Unterzahl und Powerplay, was ihre Eiszeit beeinflusst. Darauf musste ich also reagieren, um das auszubalancieren. Speziell in der Phase, als wir die sechs Spiele in zwölf Tage hatten. Es waren – wie gesagt – auch ein paar Jungs angeschlagen. Wenn man dann nicht aufpasst, dann steht man plötzlich mit nur noch acht oder neun Stürmern da. Zum größten Teil ging es darum, Eiszeit auszubalancieren. Mit nur drei Sturmreihen kann man ohnehin nicht die Reihen-Matchups bekommen, die man möchte. Aber es war schon auch ein bisschen ein Weckruf für ein paar der Spieler.

Wir bedanken uns bei Cory Clouston für das Interview.

Über den Autor: Henrike Wöbking

Henrike schreibt für haimspiel.de seit 2005 und wurde von Ex-NHL-Spieler Jason Marshall gelobt für “the best interview I ever did”. Sie zeigte sich hauptverantwortlich für das Abschiedsvideo von Dave McLlwain. Außerdem ist sie Buchautorin und schrieb den Roman “Auf Eis” vor dem Hintergrund der Playoffs 2002.

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6 Kommentare

  1. Ralf
    15.11.2017

    Welcome back, Henrike!! :-)
    Bei aller Wertschätzung für die anderen Haimspieler:
    Solche Interwiews kannst nur Du!

  2. Luca Klöckener
    14.11.2017

    Selten so ein ehrliches Interview eines Headcoach gelesen wie das hier. Clouston erklärt hier wie es ihm ergangen ist und erklärt es so, dass es jeder versteht. Wir können uns glücklich schätzen so jemanden wie Cory als Headcoach zu haben. Grandioses Interview. Danke Haimspiel dafür!

  3. Alexander
    14.11.2017

    Natürlich muss das Spiel besser werden keine Frage aber wenn die Zuschauerzahlen besser werden kann das die Spieler auch motivieren Stimmung nur in der Nordkurve ist da von den Fans auch der Falsche weg.

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