Interview: Marco Sturm

am 03.02.10 um 11:19 Uhr 

Von: Henrike Wöbking



Nach Christian Ehrhoff und Thomas Greiss kommt nun die Gallionsfigur des deutschen Eishockeys zu Wort. Haimspiel.de sprach mit Nationalmannschafts-Kapitän Marco Sturm am Dienstag nach dem Training der Boston Bruins vor ihrem Spiel gegen die Washington Capitals.

Marco, du hast Eishockeydeutschland vor zwei Wochen einen Riesen-Schreck eingejagt, als du für das Spiel gegen die Kings plötzlich verletzt gemeldet warst. Was genau war passiert?

Ich hatte Probleme mit dem Knie. Deswegen habe ich eine Pause gemacht. Jetzt fühle ich mich ein bisschen besser. Hoffentlich bleibt das weiterhin auch so.

Seit Samstag spielst du wieder. So früh hatte niemand mit deiner Rückkehr ins Team gerechnet. Ist alles wieder komplett in Ordnung?

Naja, es war halt ganz okay. Ich habe zwar nur ein Training vor dem Spiel gehabt, aber bei uns läuft es ja zur Zeit nicht so rund, wie wir uns das vorgestellt haben, deswegen die schnelle Rückkehr.

Ist dir bei der Verletzung der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass du diese Olympischen Spiele verpasst wie vor vier Jahren?

Schon ein bisschen. Der Gedanke war schon ein bisschen da. Das ist ganz klar. Der ist auch immer noch da, weil ich noch ein bisschen Schmerzen habe. Aber es sind ja ja noch zwei Wochen hin, und ich hoffe, dass bis dahin wieder alles in Ordnung ist.

Du hast es angesprochen, bei den Bruins läuft es nicht so gut dieses Jahr. Wie ist die Stimmung bei Euch im Moment?

Die Stimmung ist wieder besser. Wir haben die letzten zwei Spiele zwar verloren - eins davon im Penalty-Schießen, aber wir haben viel besser gespielt. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Die Stimmung ist jetzt besser. Wir müssen schauen, dass wir den Kopf hoch halten. Es hilft uns ja sonst keiner, also müssen wir das schon alleine schaffen. Es sind ja noch sechs, sieben Spiele bis zur Olympia-Pause. Bis dahin möchten wir einiges erreichen.

Ein Playoff-Platz ist noch lange nicht außer Reichweite. In Kürze geht es zweimal gegen Montreal, also klassische Vier-Punkte-Spiele. Kann der Ausgang dieser Partien ein Knackpunkt für die Saison werden?

Das stimmt. Und das wissen wir auch alle. Wir hatten heute auch wieder eine Besprechung. Bis zu Olympia werden es jetzt zwei harte Wochen, aber auch entscheidende Wochen. Da kann sich einiges entscheiden. Auf alle Fälle wollen wir bis zur Pause auf einem Playoff-Platz stehen.

Du führst die team-interne Torschützen-Rangliste mit derzeit 16 Treffern an. Das stimmt dich aber vermutlich nicht übermäßig fröhlich, oder?

Ja, es ist zwar schön, aber das Wichtigste ist halt, dass die Mannschaft gewinnt. Wenn man nicht auf einem Playoff-Platz steht und viele Spiele verliert, dann ist das natürlich nicht schön. Lieber wär's mir stattdessen natürlich, wir würden ganz oben stehen.

Ein Highlight war dein game-winner in Overtime im Winter Classic. Ist dieses Spiel bzw. dieser Moment mittlerweile schon im Liga-Alltag untergegangen oder denkst du manchmal noch daran?

Wir hatten ja nicht viel Zeit zum Feiern, aber das war natürlich ein tolles Erlebnis mit einem super Happy-End. Jetzt ist natürlich der Alltag wieder ganz normal. Da vergisst man das Spiel natürlich ein bisschen. Aber es war natürlich ein super Erlebnis, das ich wahrscheinlich nie vergessen werde.

Wie viele Gratulanten aus Deutschland haben sich nach dem Spiel gemeldet?

(lacht) Ja, da habe ich natürlich einige SMS bekommen. Ich weiß nicht genau wie viele, aber es waren schon sehr viele.

Foto: NordphotoAls die deutsche Nationalmannschaft die B-WM in Amiens gespielt hat, hast du erzählt, deine Teamkollegen in Boston haben sich über Eure Gegner bei dem Turnier lustig gemacht. Hast du das Gefühl, das Ansehen des deutschen Eishockeys ist mittlerweile wieder einigermaßen rehabilitiert?

Schon. Damals ging es ja auch nicht gegen die Deutschen. Es ging ja wirklich mehr - ich glaube - um die Japaner. Die Mannschaft kennen sie halt nicht. Da haben sie natürlich Witze gemacht. Aber wir haben jetzt ja sechs, sieben, acht Spieler in der NHL, die gut spielen. Deshalb wissen sie ganz genau, dass das nur die B-WM war. Die wissen genau, dass die Deutschen auch gute Spieler haben.

Christian Ehrhoff und Thomas Greiss haben aus ihren Teams berichtet, dass unter den Spielern, die für ihr jeweiliges Land in Vancouver auflaufen, schon fröhlich gestichelt wird. Ist das bei Euch unter den Olympia-Teilnehmern auch so?

Wir haben auch einige, aber bei vielen ist das noch nicht so im Bewusstsein wie zum Beispiel beim Christian in Vancouver. Der Christian wohnt in Vancouver. Da ist das wahrscheinlich ganz was anderes. Bei uns ist das noch gar nicht Thema. Bei uns ist einfach noch Alltag. Wir müssen schauen, dass wir Punkte sammeln.

Es werden deine dritten Olympischen Spiele. Wird ein Routinier wie du vor so einem Turnier noch nervös?

Eigentlich nicht. Es ist natürlich immer ein super Erlebnis. Das versuche ich natürlich zu genießen. Sicherlich ist immer Druck dabei, aber das ist ein angenehmer. In der NHL habe ich einen wesentlich größeren Druck als in der Nationalmannschaft. Die anderen Spieler sollten das eigentlich einfach auch in erster Linie genießen, gegen die besten Spieler der Welt zu spielen.

Viele neue Gesichter in der Nationalmannschaft gepaart mit wenig Zeit, als Team zusammen zu finden. Wie wichtig wird da Deine Rolle als Führungsspieler und Kapitän?

Die meisten der Jungs kennen sich ja untereinander. In der Vergangenheit war das eigentlich auch immer so. Ich versuche natürlich, besonders auf dem Eis ein Leader zu sein. Alles andere kommt dann ganz von allein.

Ist es etwas wert, dass gerade Spieler wie du oder auch Christian Ehrhoff und Dennis Seidenberg mittlerweile ein so hohes Maß an Reife mitbringen?

Ja, ich glaube schon. Das wir alle älter geworden sind, hat uns natürlich weiter gebracht. Jedes Jahr lernt man dazu, in jeden Playoffs lernt man dazu, in jedem Turnier lernt man dazu. Von daher glaube ich schon, dass wir ein Stück weiter sind als bei den letzten Olympischen Spielen. Man hat immer auf junge Spieler gesetzt. Ich denke schon, dass die deutsche Mannschaft um einiges reifer und besser spielt als bei der letzten Olympiade.

Wie überrascht warst du, dass Jochen Hecht zunächst nur im erweiterten Kader stand?

Sehr überrascht. Das war wirklich eine große Überraschung. Er hat vielleicht nicht den besten Start gehabt, aber er ist einfach ein guter Spieler. So, wie er jetzt spielt, ist er einfach auch einer der Führungsspieler in Buffalo. Da war ich schon sehr überrascht, dass er nicht nominiert war. Ich bin sehr froh, dass er jetzt dabei ist.

Das Olympische Eishockey-Turnier ist die größte Werbeplattform für die WM in Deutschland in diesem Jahr. Erhöht das den Druck auf Euch noch zusätzlich?

Ein bisschen vielleicht. Man soll die Zeit in Vancouver aber auch ein bisschen genießen. Das ist einfach etwas besonderes, bevor der Alltag uns wieder einholt. Für alle geht es ja im März dann richtig zur Sache, weil es dann um die Playoff-Plätze geht. So richtig ist der Gedanke an die Weltmeisterschaft in Deutschland noch nicht da. Wir wollen einfach ein gutes Turnier abliefern. Wenn wir das geschafft haben, kann man Richtung Weltmeisterschaft schauen.

Womöglich werden es die letzten Olympischen Spiele mit Beteiligung von NHL-Spielern. Wie stehst du dazu?

Es war in den letzten Jahren hier immer eine heftige Diskussion hier. Ich persönlich gehe davon aus, dass es jetzt meine letzten Olympischen Spiele sind. Die nächsten sind ja in Russland. Das ist doch eine weite Strecke von hier. Ich glaube nicht, dass die NHL noch mal Pause machen wird für Olympische Spiele. Das ist schade, aber man muss auch die andere Seite verstehen.

Wer sind deine Medaillenkandidaten?

Natürlich Kanada. Die sind mein Top-Favorit. Sie spielen im eigenen Land, und wenn man den Kader anschaut, sind sie einfach top besetzt. Ich glaube, Schweden, die USA und Russland werden die Mannschaften sein, die sich um die anderen Medaillen streiten werden.

Was traust du der deutschen Mannschaft zu?

Wir wollen natürlich erstmal gegen die Weißrussen gewinnen. Das wird hart genug. Und dann hoffen wir, dass wir vielleicht gegen die Schweden oder die Finnen eine Überraschung landen können.

Wir bedanken uns bei Marco Sturm für das Interview.


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