Thomas, die San Jose Sharks haben in dieser Saison bislang gerade mal zehn Spiele in regulärer Spielzeit verloren. Ist da nicht die Gefahr da, dass man als Mannschaft irgendwann ein bisschen zu selbstsicher wird?
Ich glaube weniger. Wir haben viele erfahrene Spieler im Team, die versuchen, das Team immer bereit zu halten. Der Trainer macht auch eine gute Arbeit, uns immer neue Aufgaben zu stellen. Jeder arbeitet hart. Ich glaube, es sind alle noch voll fokussiert, jedes Spiel so gut wie möglich zu spielen.
Ist die President's Trophy ein Ziel oder ist Euch die egal?
Ich glaube, jeder ist mehr auf die Playoffs an sich fokussiert, weil es da für uns wichtig wird. Das ist unser Hauptfokus. Über die President's Trophy macht sich niemand zu viele Gedanken.
Sieben Mal warst du in dieser Saison bislang starting goalie und hast sechs von diesen Spielen gewonnen. Wie hat sich dein Selbstvertrauen in dieser Zeit entwickelt?
Mit jedem Spiel ist es besser und besser gelaufen. Ich habe mich mehr und mehr wohl gefühlt und Routine bekommen. Man merkt, dass man spielen kann und gewinnen kann. Es ist mit jedem Spiel um Einiges besser geworden und hat auch jedes Mal mehr Spaß gemacht. Ich fühle mich jetzt einfach besser im Tor.
Wie sah es mit deiner Nervosität beim ersten dieser Spiele aus?
Da war ich natürlich am nervösesten. Aber das hat auch viel Spaß gemacht. Das war ein super Spiel, das wir dann auch gewonnen haben. Es war ein sehr intensives Spiel.
Gab es Reaktionen aus der Mannschaft auf deine grandiose Shootout-Performance in Phoenix?
Ja, klar. Da kamen natürlich gleich alle zu mir und haben gesagt „Super Arbeit, Thomas!"
In Deutschland hätte dich das vermutlich ein Kabinenfest gekostet. Gibt es solche Traditionen in der NHL überhaupt?
Doch, solche Sachen gibt es hier schon auch. Hier gibt es zum Beispiel die Rookie-Party. Da müssen die Neuen, die ihr erstes Jahr in der NHL spielen, ein Essen für die ganze Mannschaft zahlen.
Aber für den Shootout-Sieg musstest du keine Runde schmeißen oder so was?
Nein. Da hab ich Glück gehabt.
Ist es eher eine Entwicklungsbremse hinter einem Vielspieler wie Evgeni Nabokov zu spielen oder profitierst du sogar von ihm?
Ich glaube beides. Natürlich ist es gut, wenn ich viel spiele. Auf der anderen Seite kann ich natürlich auch viel vom Nabby lernen. Er ist einfach einer der besten Torhüter. Allein die Konstanz, mit der er jedes Spiel angeht und jedes Spiel super spielt und immer da ist für die Mannschaft. Da kann man schon Einiges von ihm lernen.
Du hast gesagt „beides", also fühlst du dich schon auch ein bisschen gebremst?
Klar. Aber es hat einfach alles Vor- und Nachteile.
Du hast einen Star-Goalie vor dir und einige gute Goalie-Prospects der Sharks im Nacken. Ist das guter oder schlechter Druck, dass die Konkurrenz schon nachwächst?
Das ist überall in der Liga so, glaube ich. Da gibt's so viele gute Torhüter. Mit dem Druck muss man einfach umgehen können. Man muss einfach versuchen, sein eigenes Spiel zu machen, immer so gut zu spielen, wie man kann. Dann wird man schon sehen, was passiert. Ich mache mir nicht so viel Kopf darum. Ich spiele einfach mein Spiel, so gut ich kann.
Wie normal ist der NHL-Alltag eigentlich inzwischen für dich?
Man gewöhnt sich schon nach einer gewissen Zeit daran. Die ersten paar Monate war es schon eine ganz andere Welt. Es ist schon ein anderer Rhythmus als in der AHL oder in Deutschland. Aber es ist super. Mir gefällt's!
Du stehst jeden Tag mit den Joe Thorntons dieser Welt auf dem Eis, also gibt es vermutlich nichts mehr, was dich noch beeindruckt?
Ab und zu gibt es schon noch solche Momente. Da denkt man, das ist Joe Thornton, einer der besten Spieler der Welt. Auf der anderen Seite sitze ich aber auch immer mal neben ihm im Flugzeug und mache Späßchen mit dem. Auf der einen Seite ist es also schon etwas ganz Spezielles, auf der anderen Seite ist es dann aber auch schon ganz normal und ganz locker.
Schaust du manchmal noch zurück auf den Karriereweg, den du bisher gemacht hast oder geht der Blick ausschließlich nach vorne?
Natürlich schaut man ab und zu mal zurück und denkt zum Beispiel noch mal über die Zeit in Köln nach. Ich schau auch immer noch nach, was in Köln so los ist. Aber natürlich schaue ich hauptsächlich nach vorne. Es zählt das Hier und Jetzt.
Neben dir stehen im Kader der Sharks noch sieben andere Spieler, die bei den Olympischen Spielen für ihr jeweiliges Land im Aufgebot sind. Ist das Olympische Turnier bei Euch schon Thema in der Kabine?
Ja, so langsam wird es mehr und mehr Thema bei uns. Da wird schon oft drüber geredet. Ich habe zum Beispiel jetzt extra Schienen bekommen für Olympia und Nabby hat extra eine Maske bekommen für Olympia. Douglas Murray spielt ja für Schweden. Neulich meinte er, er wird mir dann eins reinhauen, wenn wir gegen Schweden spielen. Da wird eine Menge rumgespaßt. Wir haben ja Joe Pavelski als Amerikaner im Team und einen Haufen Kanadier und Nabby als Russen. Das sind so unsere Vertreter der Top-Nationen. Das wird bestimmt ganz lustig zu sehen, wie die gegeneinander spielen und was dabei rauskommt. Das wird bestimmt lustig, wenn Joe Thornton Nabokov ein Tor reinschießt oder eben Murray mir. Da kann man sich dann hinterher gegenseitig damit aufziehen.
Du erlebst Joe Thornton, Dany Heatley und Patrick Marleau täglich. Wie froh muss man sein, dass Deutschland so schnell nicht auf Kanada treffen kann?
(lacht) Ziemlich froh! Wenn man sich das Team anschaut, das Kanada beieinander hat, das ist schon ein super Team. Aber auch andere Nationen wie zum Beispiel Schweden haben ja Star-Power ohne Ende. Die können alle viel erreichen.
Vor vier Jahren hat Uwe Krupp dich ins kalte Wasser geworfen gegen Kanada. Heute bist du der NHL-Spieler auf deiner Position, also der direkte Nachfolger von Olaf Kölzig. Wie viel anders werden diese Olympischen Spiele für dich persönlich?
Damals war ich ja dritter Torhüter. Da war natürlich der Druck auf mich wesentlich geringer. Damals habe ich ein Spiel bekommen. Mal sehen, wie das dieses Mal wird. Wer spielt, spielt. Wenn ich spiele, will ich natürlich meine Leistung bringen. Ich will für das Team das Beste bringen, was ich kann. Mal sehen, wie es läuft. Ich hoffe, dass ich viel spielen werde. Aber das ist schwer zu sagen. Es wird natürlich auch dieses Mal große Anspannung da sein. So oft spielt man ja so ein großes Turnier nicht. Vor allem in Kanada. Das wird ein super Turnier werden.
Hat Uwe Krupp sich schon geäußert, wie die Einsätze aufgeteilt sind?
Nein, noch gar nicht. Das werden wir sehen, wenn wir da sind. Da mache ich mir jetzt auch noch keine Gedanken drum.
Gegen Schweden und Finnland geht Ihr als Underdog in die Partien. Wie geht man solche Spiele als Goalie an, wenn man schon erahnen kann, wie viel man zu tun bekommen wird?
Manchmal ist es gut, wenn man viele Schüsse bekommt. Man hat zu tun und steht nicht im Tor und langweilt sich. Man weiß ja nie, was passieren wird, aber es wird für einen Torhüter bestimmt nicht schlecht. Und wenn wir ein bisschen Glück haben, wer weiß was passiert?
Wie groß ist der Nachteil, den Dennis Endras im Vergleich zu dir und Dimitri Pätzold hat, weil er noch nie auf der kleinen Eisfläche gespielt hat?
Es wird schon eine Umstellung für ihn sein, aber wir haben ja noch ein paar Trainingseinheiten in Vancouver. Ich glaube, er wird sich schon schnell daran gewöhnen können. Er ist ja auch ein guter Torhüter. Da wird er schon damit umgehen können.
Steht Ihr innerhalb der Nationalmannschaft eigentlich schon in Kontakt? Sprecht Ihr miteinander?
So ein bisschen schon. Wenn ich den Christian Ehrhoff sehe oder den Marcel Goc. Also, wenn wir gegeneinander spielen, dann sprechen wir natürlich schon, aber noch nicht konkret über die Olympischen Spiele.
Auch an dich natürlich die Frage, wer deine Medaillen-Kandidaten sind?
Russland, Kanada und Schweden.
In der Reihenfolge?
Ich setze mal Kanada auf 1, dann Russland und dann Schweden.
Und was traust du Euch zu?
Wir machen Platz 4. Naja, es ist schwer zu sagen. Es ist ein kurzes Turnier. Wenn man ein, zwei Spiele gewinnt, ist man vorne mit dabei. Wenn alle ihr Bestes geben und mit ein bisschen Glück, können wir schon was erreichen.
Wir bedanken uns bei Thomas Greiss für das Interview!
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