Es ist tatsächlich kaum nachvollziehbar, dass zumindest mit den Leistungsträgern bislang keine konkreten Vertragsgespräche geführt wurden. Möchte man es bei Leuten wie Lars Weibel auf den fehlenden kanadischen Pass schieben, fragt man sich bei Vorzeigekanadier Jason Jaspers dann allerdings umso mehr nach den Beweggründen. Beide haben sicherlich keine Probleme, anderweitig einen gut dotierten Vertrag zu bekommen, sollte der KEC sich nicht zu einer Weiterverpflichtung entschließen.
Ein Jason Jaspers muss nichts mehr beweisen. Er hat gezeigt, warum er eine der Top-Ergänzungen für diese Mannschaft war. Und mit jedem Tor, das er als mittlerweile etablierter Erste-Reihe-Center schießt, bringt er sich in eine noch bessere Verhandlungsposition. Je länger man wartet, umso teurer wird er wohl werden. Dass diese Tatsache die Haie nicht zum zügigen Handeln veranlasst, ist mehr als verwunderlich in Anbetracht der angespannten Finanzsituation des Clubs.
Seit dem 21. Januar hält Bill Stewart die Zügel nun also offiziell über die aktuelle Saison hinaus in der Hand. Er ist für die Spieler nunmehr nicht nur der Coach, mit dem sie täglich arbeiten und dessen Aufgabenstellung sie bedingungslos umsetzen sollen, sondern auch der Verhandlungspartner, der über ihre Zukunft oder eben Nicht-Zukunft im Haie-Trikot entscheidet. Mit anderen Worten: Die Mannschaft ist gefragt, vom Schaulauf-Modus vor den Augen des neuen Trainers auf Schaulauf-Modus vor dem neuen sportlichen Leiter umzustellen. Und das zu einem Zeitpunkt, als der Coach beschlossen hat, dass die Wochen der seelischen Aufbauarbeit nach den von Pavlov hinterlassenen Schäden vorbei sind und ab sofort andere Saiten aufgezogen werden.
Das Straftraining am Tag nach dem Debakel in Augsburg ist nur ein erster Vorgeschmack auf das, was das Team bei anhaltender Erfolglosigkeit zu erwarten hat. Stewart hatte der Mannschaft vor dem Spiel in Augsburg sehr deutlich zu verstehen gegeben, was er von ihnen in dieser Partie erwartet. Sein öffentlich gezügelter Zorn darüber, dass diese Erwartungen nicht mal in Ansätzen erfüllt wurden, lässt erahnen, was hinter den Kulissen vorgefallen sein muss. Im Gespräch mit seinem Co Niklas Sundblad nach dem Spiel stellte Stewart fest: „In dieser Liga ist alles eine Frage der Laufbereitschaft." Dem geneigten Beobachter am Freitagabend ist das Fehlen genau dieser Laufbereitschaft deutlichst ins Auge gestochen.
Da sitzt nun also ein merklich angefressener Coach und somit auch ein merklich angefressener Sportdirektor, der von sich und seinem Team weit mehr erwartet als das, was in den vergangenen vier Spielen gezeigt wurde. Der Coach verordnet Straftrainingseinheiten, der Sportdirektor ist auf Vertragsverhandlungen erstmal nicht ansprechbar. Lars Weibel, Jason Jaspers und alle anderen Betroffenen sollten sich darauf einstellen, dass sich zumindest die Haltung des Sportdirektors erst wieder ändert, wenn er merkt, dass die Vorgaben und Ansprüche des Coaches erfüllt werden.
Erfolgsorientiertes Arbeiten erfordert eben auch ein gewisses Maß an Härte und Bedingungslosigkeit. Das mag vom menschlichen Standpunkt aus und mit dem Herzen eines Fans betrachtet nicht unbedingt für Begeisterung sorgen, aber wer die Zielsetzung hat, in seiner nunmehr auf weitere zwei Jahre ausgedehnten Amtszeit mit dem KEC Großes zu erreichen und an die Erfolge vergangener Jahre anzuknüpfen, der kann sich kaum Sentimentalitäten leisten. Bei Bill Stewart kann man sich sicher sein, dass sich Sentimentalitäten in Bezug auf Eishockey schwer in Grenzen halten.
Hatte Weibel in den Augen seines neuen Chefs vielleicht die ein oder andere Erkältung oder Magen-Darm-Grippe zu viel, um sich als zuverlässige Nummer 1 zu empfehlen? Anders ist die Verpflichtung von Norm Maracle wohl kaum zu erklären. Hängt einem Jason Jaspers noch seine miserable Plus-Minus-Statistik aus den ersten Monaten der Saison nach? Denkbar. Lässt sich Stewart von den gezeigten Leistungen unter seiner Trainerschaft nicht beeindrucken? Garantiert nicht, denn wo Stewart noch Raum für Verbesserung sieht, wird er versuchen, diesen voll auszuschöpfen. Als Coach ist ihm eine erfolgreiche Umsetzung dieses Unterfangens absolut zuzutrauen. Das Fragezeichen steht hinter seinem erstmaligen Engagement als Sportlicher Leiter. So gut er hier den fachlichen Teil beherrschen mag, wird sich doch erst zeigen müssen, ob der die ebenso wichtigen Bereiche Diplomatie, Psychologie und Timing im Griff hat. Sollte er über Leichen gehen, dann ist das nur mit überzeugenden Resultaten zu kompensieren, denn man kann die Meinung des zahlenden Zuschauers nicht ignorieren. Ein Meistertitel in den kommenden Jahren könnte allerdings sehr wohl über das ein oder andere Bauernopfer hinwegtrösten.
Stewart ist nicht in Köln angetreten, um Sympathiepunkte zu sammeln. Stewart ist in Köln angetreten, um die Haie wieder zu dem zu machen, was sie vor der schmachvollen Saison 2008/09 waren - ein Top-Team in der Liga, bei dem ein Erreichen des Playoff-Halbfinales gefühlte Pflicht und ein Scheitern in selbigem als dem Club nicht würdig angesehen wird. Wenn dann noch der Zuschauerschnitt auf dem Weg dahin wieder durchschnittlich in der 12.000 Region liegt, dann fragt kein Mensch mehr danach, warum ein Lars Weibel die Haie nach einem Jahr wieder verlassen hat und ein Jason Jaspers für ein anderes DEL-Team auf Torejagd gegangen ist. Sollte Stewarts Masterplan, den er hoffentlich hat, allerdings kurz- bis mittelfristig nicht aufgehen, dann wird sich Stewart vielleicht doch wünschen, er hätte zum richtigen Zeitpunkt ein paar Sympathiepunkte gesammelt. Die Chance ist ja aber auch noch nicht vertan, denn bislang haben weder Weibel noch Jaspers noch ähnliche Kandidaten bei irgendeinem Liga-Konkurrenten unterschrieben. Vielleicht macht Stewart ja auch einfach irgendwas richtig und Diplomatie, Psychologie und Timing sind ihm doch nicht so fremd, wie es aktuell von außen den Anschein hat.
Die Stimmung ist nicht gut, meldet der Boulevard. Am Dienstag kommen die Adler nach Köln. Nach dem Spiel ist die Stimmung entweder noch schlechter, oder aber Augsburg war tatsächlich der absolute Tiefpunkt der Saison, von dem aus es nur aufwärts gehen konnte. Noch darf man hoffen.
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