Story: Die Macht des geschriebenen Wortes

am 19.10.10 um 10:24 Uhr 

Von: Henning Hartung



Ein Kommentar zur Beziehungskrise zwischen den Kölner Haien und einigen Pressevertretern

Es gibt Vieles zu kritisieren an einem DEL-Team, das nach einem Viertel der Saison auf dem letzten Tabellenplatz steht. Das in 14 Spielen ganze 50 Gegentore einstecken musste. Das dem eigenen deutlich formulierten Anspruch, die Playoffs erreichen zu wollen und zwei Jahre der Enttäuschung vergessen zu machen, bislang arg wenig gerecht wurde. Die Enttäuschung der Fans war etwa nach der 1:6-Heimpleite gegen die Eisbären greifbar. Deren Kritik in der Nachbetrachtung der Spiele ist wenig nachsichtig. Und trotzdem: auch besorgte, enttäuschte und frustrierte Fans und Beobachter der Kölner Haie haben derzeit häufig nur bloßes Kopfschütteln übrig, wenn sie sehen, welche Schlüsse einige der Medienvertreter aus dem Gesehenen ziehen.

Es ist einfach zu verstehen, dass die mit den Haien befassten Journalisten nicht die Sicht- oder Herangehensweise eines Fans wählen können und sollen. Dies stünde einer zu erwartenden Objektivität zwangsläufig in verschiedenen Situationen im Weg. Es gibt wohl in der gesamten professionellen Hockeysphäre den Grundsatz: "no cheering in the pressbox", also "kein Jubeln im Pressebereich". Das wäre grob unprofessionell. Eine Frage, die sich in Köln nun aber zu stellen lohnt, wäre, warum nicht das Gegenteil von Jubeln im Pressebereich ebenso unerwünscht ist. Eine Verweigerung gegenüber positiver oder auch nur neutraler Berichterstattung entgegen jeder Objektivität ist nicht minder unprofessionell.

Der Sieg im Freitagsheimspiel der Kölner Haie gegen die Hamburg Freezers und die Reaktion des Kölner EXPRESS drängt sich hier als Beispiel geradezu auf. Die 10.000 Zuschauer waren Zeugen eines Aufbäumens der Mannschaft gegen eine weitere Niederlage, die mit viel Kampf und Wille einen 0:2-Rückstand drehte. Die Stimmung war euphorisch, die Atmosphäre in der Arena die beste vielleicht seit den DEL-Finals 2008. Fans und Club waren - endlich! - einmal wieder einen Abend lang eine geschlossene Einheit.
Die zentrale Botschaft, die der Kölner EXPRESS aus jenem Spiel mitnahm und zum Aufhänger seines Rückblicks machte, war der Blick auf ein Ergebnis aus Nürnberg, wo die DEG Metro Stars (vor dem Spiel mit drei Siegen aus den letzten sieben Spielen) ein Schützenfest feierte. Ein Spiel, das rund 400 Kilometer entfernt stattfand, und von dem der Autor keine Szene sah, wurde zum Ausgangspunkt eines Spielrückblickes. Laut jenem "schossen den Haie-Fans Tränen in die Augen". Nordamerikanische Sportler oder Trainer sprechen gerne von "going the extra mile", also davon, dass man die zusätzliche Meile geht, um den Erfolg herbeizuführen. Beim Schreiben dieses Artikels ist der EXPRESS einmal mehr die Extra-Meile gegangen, um irgendwie an einem in jeder Hinsicht versöhnlichem - und auch ein wenig versöhnendem - Abend eine negative Atmosphäre zu kreieren, die freilich nie vorhanden war. Es fällt einem schwer sich vorzustellen, ein Fan mit Trikot, Schal und Liter-Becher Kölsch, aus welchem bei jedem Aufspringen zum Torjubel etwas Gerstensaft auf den eigenen Laptop schwappt, könne eine Nachbetrachtung dieses Abends offerieren, die weniger professionell ist und dabei nicht immer noch eine größere Schnittmenge mit den tatsächlichen Abläufen des Abends aufweist.

In Zeiten von Wirtschaftskrisen droht der Satz "aus großer Macht folgt große Verantwortung" nicht in Vergessenheit zu geraten. Aber womöglich sollte der ein oder andere Pressevertreter sich seiner Macht sowie seiner Verantwortung in vollem Umfang gewahr werden. Während es bei Deutschlands Sportart Nr. 1, 2 und 3 - dem Fußball - rund 82 Millionen Experten gibt und praktisch jeder einmal gegen den Ball getreten und schon daher ein Bild von diesem Sport hat, gibt es hierzulande etwa 28.000 registrierte Eishockeyspieler. An den meisten Spieltagen besuchen mehr Menschen die DEL-Spiele. Nicht jeder Fan, vor allem nicht jeder gelegentliche Fan fühlt sich als Experte, dem es über "seinen" Sport nichts mehr beizubringen gibt, wie es im Fußball bei der Mehrheit der Anhänger hinzunehmen ist. Vor diesem Hintergrund hat das Wort eines Journalisten Gewicht. Wenn also geschrieben wird, Wade Dubielewicz - wie durch ein Wunder im letzten Jahr noch mit einem NHL-Vertrag ausgestattet - sei schlechter als Vorgänger Adam Dennis - nun, wie im Vorjahr, in der italienischen Liga zwischen den Pfosten -, dann erreicht man zwei Dinge: erstens entfremdet man die verständigen Fans von der eigenen journalistischen Arbeit und dem herausgebenden Blatt, denn der Qualitätsunterschied zu Gunsten Dubielewicz' ist offensichtlich, zudem sind auch die sogenannten "Torhüterstatistiken" in ihrem Kern Teamstatistiken ohne Aussagekraft über Qualitätsunterschiede mehrerer Schlussmänner. Zweiter Effekt ist, dass weniger involvierte Leser die inhaltlichen Defizite nicht zu erkennen vermögen und deren Meinung über den Spieler sowie den Club negativ beeinflusst wird. So wird aus einem oberflächlichen Satz ein unverantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Machtposition.

Ich glaube, niemand aus dem Umfeld der Kölner Haie will den oben skizzierten Fan als Schreiberling im Pressebereich. Professionelle, objektive, vernunftgeprägte kritische Berichterstattung tut dem Club und dem Sport gut. Was niemandem - nicht dem Sport, nicht dem Club, nicht den Fans, nicht dem Autoren und nicht einmal der Auflage - gut tut, ist eine Betrachtungsweise, die eigentlich die Bezeichnung Betrachtung nicht länger verdient. Sie ist nicht länger bloße Betrachtung, sie beschreibt einen "Untergang der Haie", in dem sie selbst als Katalysator mitwirkt: während die Haie die Macht haben, die Arena leer zu spielen, haben EXPRESS und Co. die Macht, die Arena leer zu schreiben.
Am Freitagabend taten die Haie ihren Teil, um die Arena wieder zu füllen. Der EXPRESS indes leistete seinen Beitrag, diesen Effekt so gering wie möglich zu halten. Aufrichtigen Dank.


Partner

Netzwerke

Haimspiel.de [Fan werden]
Haimspiel.de [Verfolgen]
-------------------------
Kölner Haie [Fan werden]
Kölner Haie [Verfolgen]