Marcel, fangen wir ganz vorne an: Wann bist du das erste Mal mit Eishockey in Kontakt gekommen?
Das war glaube ich schon mit zwei oder so. Mein Vater hat selber Eishockey gespielt und das erste Mal stand ich auf dem Eis mit vier Jahren. Da bin ich mit meinem Vater bei uns in Neukölln auf die Eisbahn gegangen zum Schlittschuh laufen und dann so mit 5 bin ich in den Verein gegangen, zu den Preussen. Ich hab die ganzen Jugendabteilungen von Kleinschüler bis Schüler bei den Capitals durchlaufen und dann ging es nach Mannheim.
Da warst du 15, bist dort in ein Internat gegangen. Wie war das für dich, so früh schon von zu Hause wegzugehen?
Wenn du mit 15 von zu Hause weggehst ist das eine aufregende Zeit. Das erste Mal für längere Zeit von den Eltern weg war echt eine Erfahrung fürs Leben. Aber ich würde es immer wieder machen und ich empfehle es jedem Spieler, der die Möglichkeit dazu hat, das zu machen.
Mannheim war eine gute Erfahrung. Aber ich glaub da hat sich einiges geändert zur jetzigen Zeit. Als wir da waren, war das alles schon sehr streng, da hat der Trainer noch im Internat gewohnt und es war Bettruhe um 10. Aber ja, das hat sich gelohnt.
Dann bist du wieder nach Berlin zurück, wo du DEL und Oberliga parallel gespielt hast.
Ich glaube im ersten Jahr hab ich 34 Spiele in der DEL gemacht und 20 in der Oberliga, das war also ein Mix aus den beiden Ligen. Das hat mir aber auch sehr viel gebracht, in der Oberliga zu spielen.
Ist das deiner Meinung nach auch der Weg, den junge deutsche Spieler gehen sollten?
Der Sprung direkt in die DEL ist sehr gross und das schaffen nur die aller-allerwenigsten. Bei mir hat es gezeigt, dass die zwei Jahre Oberliga mir gut getan haben. Ja, ich glaube, das ist der Weg, den junge Spieler gehen sollten.
Du hast 2006 den DEL-Meistertitel mit Berlin geholt und bist 2007 nach Köln gekommen. Was waren die Gründe für den Wechsel?
In Berlin war ich die zwei Jahre eigentlich nur in der vierten Reihe, weil so viele junge deutsche Stürmer da waren, wie Andre Rankel und Florian Busch. Dann hat mich der Rodion angerufen, wie es aussieht, ob ich nicht Interessse hätte nach Köln zu kommen. Die Möglichkeit hier mehr Eiszeit zu bekommen war einfach besser, als Spieler möchte man sich ja weiterentwickeln und im Nachhinein war es die richtige Entscheidung.
Du bist dann in drei Jahren hier zum Star aufgestiegen (Marcel lacht). Wer oder was hat dir dabei am meisten geholfen?
Ich glaube, was mir persönlich dabei am meisten geholfen hat war, dass die letzten zwei Jahre nicht so gut für den Verein gelaufen sind. Da lernt man eine Menge als junger Spieler dazu. Das war der grösste Schritt, man wurde in die Situation reingeschoben, musste Verantwortung übernehmen und wurde Leistungsträger.
2007 warst du auch schon für den Draft verfügbar, wurdest aber nie gezogen. Du hast kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandradio gesagt, dass dafür disziplinarische Gründe auschlaggebend waren. Kannst du das noch genauer ausführen?
(räuspert sich) Ich hatte früher - und auch heute noch ein bisschen - das Problem mit der Körpersprache und der Disziplin, das hat damals die Scouts wohl abgeschreckt mich zu draften. Aber ich habe dazugelernt in den drei Jahren .
Doug Mason hat mal gesagt, du wüsstest gar nicht, wie gross du eigentlich bist. Meinst du das mit Körpersprache?
Nein, ich meine, wenn was nicht läuft, dass man nach aussen hin zeigt, wie frustriert man ist und solche Dinge. Aber ich habe natürlich auch dazugelernt, wie ich den Körper einsetzen muss.
Dein erstes Jahr in Köln war ziemlich erfolgreich, du warst beim DEL-Rekordspiel in den Playoffs dabei und ihr habt die Vizemeisterschaft gegen dein Ex-Team geholt...
Das war für mich persönlich eine Riesenerfahrung, weil man zwei Jahre davor auf der anderen Seite stand und die Meisterschaft gefeiert hat. Im ersten Moment ist man dann natürlich traurig, dass wir es nicht geschafft haben, denn ich hätte zu gerne gegen die Eisbären gewonnen. Aber man muss einfach sagen, dass die Eisbären in der Saison das beste Team waren, wie die letzten Jahre auch. Es war aber mit die schönste Saison in Köln.
Wie sehr ist dir in diesen 3 Jahren Köln ans Herz gewachsen?
Ich glaube, das weiß jeder, dass es mir sehr ans Herz gewachsen und die zweite Heimat geworden ist. Wenn es drüben nicht klappt, komme ich auf jeden Fall hierher zurück.
Du besuchst regelmäßig die DNL-Spiele, das gehört für dich auch dazu?
Ja, als ich in der DNL war, waren auch immer die älteren Spieler da und haben sich erkundigt. Ich finde, das gehört einfach dazu, um sich auf dem Laufenden zu halten, was nachkommt. Man möchte ja auch mitreden, wenn es heißt, da wächst ein guter Spieler herauf oder nicht. Es hat zugegeben auch ein bisschen was mit Langeweile zu tun, aber auch mit Interesse an der Nachwuchsarbeit.
Trotz der beiden letzten Jahre mit den Haien hattest du mit der WM im eigenen Land sportlich einen schönen Abschied aus Köln und Deutschland. Hast du schon verstanden, was ihr eishockeyhistorisch geleistet habt?
Jetzt im Nachhinein bekommt man es vielleicht ein bisschen mehr mit aber zu dem Zeitpunkt wo die WM gelaufen ist, war der Fokus auf der WM und dem Erfolg, den wir dann auch hatten. So richtig wahrgenommen hat man das aber erst nach dem Spiel um Platz 3, als wir da auf den Balkon zur Abschlussfeier gegangen sind. So was kennt man ja eigentlich nur vom Fussball oder von einer Meisterfeier, das war einfach unglaublich.
Es ist natürlich ein bisschen schade, was die DEL dann im Sommer veranstaltet und daraus nichts mitgenommen hat. Ich denke aber, dass noch einiges von den Emotionen und der Euphorie da ist und man das jetzt ummünzen und weiter nach vorne arbeiten sollte.
Wie habt ihr diese Wahnsinnspiele gegen Russland gemacht, wie seid ihr da rangegangen?
Also ich ganz persönlich habe nach dem Zwischenrundenspiel, was schon knapp ausgegangen ist, gedacht: Gut, entweder gehen wir jetzt im Halbfinale mit 0:6 in die erste Drittelpause oder wir gewinnen das Spiel. Und dann stand es 1:0 für uns und dass wir das Spiel dann noch so knapp verloren haben war natürlich Pech. Man ist auf einer Euphoriewelle geschwommen und man hat ja auch bei der Fussball-WM gesehen, wie das eigene Publikum einen nach vorne peitschen kann und so war das auch bei uns.
Wie emotional ausgepumpt wart ihr dann vor dem Spiel um Platz 3?
Natürlich waren wir das, aber wir hatten ja immer noch die Chance die Bronzemedaille zu gewinnen und das wollten wir auch machen. Ich glaub das war aber mit unser schlechtestes Spiel bei der Weltmeisterschaft und es hat leider nicht geklappt.
Auch wenn die WM aus deutscher Sicht das interessantere und erfolgreichere Turnier war, gab es noch die olympischen Spiele in Vancouver. Was haben die für dich bedeutet?
(lächelt) Ja also die Erfahrung will ich auf gar keinen Fall missen, weil es ist einfach unglaublich im Mutterland des Eishockeys die olympischen Spiele zu haben. Auch wenn wir alle Spiele verloren haben war es eine super Erfahrung und für kein Geld der Welt würde ich das eintauschen. Bei Olympia spielen nur die Erste-Reihe-Spieler aus jedem Land. Team Kanada hatte vier Reihen, die wohl in jedem anderen Land die erste Reihe gewesen wären und das sagt viel aus über das Niveau. Ich bin gespannt, was da jetzt auf mich zukommt und ob der Marcel Goc Recht hatte oder nicht, als er mir sagte, dass das Niveau in der NHL etwas niedriger ist.
Wie viele Gespräche gab es bei der WM und Olympia bezüglich deiner zukünftigen Karriere?
Ich wusste halt vorher, dass ich unter Beobachtung stehe. Aber da kommt es mir zu Gute, dass mir vieles so scheissegal ist. Es gehört dazu, wenn man unter Beobachtung steht und damit musst du umgehen können und ich glaube, ich habe es ganz gut gehandelt.
War dein erster ernstzunehmender Kontakt zur NHL direkt Brian Burke, der ja 2007 als General Manager der Anaheim Ducks hier in Köln war und damals schon angetan war von dir?
Dieses Jahr waren zuerst andere Vereine interessiert, aber der Brian Burke war dann nach der WM sehr, sehr interessiert. Er ist extra rüber geflogen für ein Mittagessen und dann hat er mich nach Toronto eingeladen. Das hat mir schon gezeigt, dass sie mich dort unbedingt wollen und auch deshalb ist meine Wahl auf Toronto gefallen.
Du hattest weitere Angebote aus Washington, Montreal, Nashville, Chicago und Dallas. In welchen dieser Städte warst du noch?
Ich war in Montreal, Dallas, Nashville und Toronto. Die haben sich alle auch sehr bemüht, aber ich glaube, dass in Toronto die Rahmenbedingungen am besten sind und das Gesamtpaket einfach stimmt. Die Mannschaft ist im Umbruch und das Farmteam ist in derselben Stadt, was auch sehr hilfreich sein kann. Ich glaube, dass dort für mich die besten Chancen da sind, um in der NHL zu spielen.
Auch weil bei den Leafs der Flügel recht schwach besetzt ist?
Ja genau, im Sturm ist nicht so die Tiefe wie zum Beispiel in Dallas. Dort war es so, dass sie für die nächste Saison schon neue One-Way-Verträge haben. Da ist dann die Chance nicht so gross, diese Saison schon oben zu spielen, wie in Toronto.
In den drei Jahren hier in Köln ist das Medieninteresse an deiner Person kontinuierlich gestiegen. Das Medieninteresse in Toronto, im „Vatikan des Hockey“ (Brian Burke), wird noch viel grösser sein. Ist das etwas, was dich persönlich auch ein bisschen reizt?
Welche Person steht nicht gerne im Mittelpunkt? (lacht) Es gehört für mich dazu, in Deutschland ist es bei Weitem noch nicht so schlimm wie bei den Fussballspielern. Ich werd mal schauen, was da auf mich zukommt in Toronto. Ich werde einfach sagen, ich spreche kein Englisch und dann bin ich hoffentlich raus aus der Sache. Tue ich zwar, aber das wissen die ja nicht. (lacht)
Wir kennen dich hier als sehr kompletten DEL-Spieler, der scoren und tricksen, aber auch tough sein kann. Du hast schon Verteidiger gespielt und hattest regelmäßige Eiszeiten bei Über- und Unterzahl. Drüben ist das mit der Rollenverteilung etwas anders, welche Rolle willst du dort spielen?
Ich denke, dass ich die Rolle des Power Forwards habe, den hat Toronto nicht so in ihren Reihen. Und ich glaube schon, dass sie auch ab und zu mal ein Tor erwarten. Ich will einfach hart arbeiten und scoren.
Brian Burke hat auch gesagt, du hast das Potential für einen Top6-NHL-Stürmer, und ob du im Farmteam spielen musst, liegt allein an dir.
Ich glaube, dass das für jeden Spieler, der aus Europa kommt, erstmal der Weg ist. Man muss sich an die kleine Eisfläche gewöhnen und auch an die Lebensqualität dort. Aber ich glaube auch, dass es an mir liegt, ob ich direkt oben spielen kann, je nachdem, wie lange ich brauche, um mich einzugewöhnen.
Hast du dir, abgesehen von den zwei Jahren, die du Vertrag hast, ein Zeitlimit gesetzt, wie lange du bei den Marlies spielen möchtest?
Möchten natürlich gar nicht (grinst). Nein, ich habe mir da kein Ziel gesetzt oder Zeitlimit. Ich gehe jetzt rüber ins Camp und gebe mein Bestes und wenn der Trainer sagt: „Du bist gut genug, du kannst mitspielen“ dann freut mich das. Wenn nicht, dann ist das halt ein Signal, dass ich nochmal härter arbeiten muss um hochzukommen.
Dass du hart arbeiten musst hat auch Uwe Krupp während der World Hockey Summit gesagt. Er denkt, dass du nicht direkt den Sprung schaffst. Wie stehst du dazu?
Das ist seine Meinung und ich hoffe, dass ich ihm das zeigen kann, dass ich doch vielleicht schon soweit bin, dass ich es schaffe. Aber wie gesagt, ich setz mir da keinen Zeitdruck und wir werden sehen.
Mit Korbinian Holzer wechselt ein weiterer Spieler rüber in die Franchise der Leafs, war das für dich auch noch ein Grund für Toronto?
Ja, vielleicht ist das ein kleiner Grund gewesen, aber in erster Linie steht das sportliche bei mir und das hat gepasst in Toronto.
Du hast das Camp schon angesprochen. Die Gehälter sind drüben offen, auf dich wartet jetzt also ein „Millionen Dollar Camp“. Was überwiegt bei dir, die Vorfreude oder doch ein bisschen die Anspannung?
Im Moment überwiegt einfach nur die Vorfreude, dass es endlich wieder losgeht, weil ich halt die anderen Chaoten hier auf dem Eis sehe. Natürlich ist die Aufregung da, aber von mir aus kann es endlich losgehen und wenn es dann klappt ist es ein schöner Bonus. Und wenn nicht, muss man sich den Bonus erarbeiten.
Andere deutsche Spieler sind diese Saison den umgekehrten Weg gegangen: Philipp Gogulla und Robert Dietrich. Du hast sicher mit ihnen gesprochen, kannst du deren Entscheidung nachvollziehen?
Ich kann es jetzt nicht wirklich nachvollziehen. Ich glaub der Didi war zwei Jahre drüben, der Gogi sogar nur eins, man muss es einfach probieren. Jeder Mensch ist anders, verschieden. Ich kenn den Gogi gut, ich weiß, was er für ein Mensch ist. Er ist damit zufrieden, dass er wieder hier ist und das ist das Wichtigste.
Wie hast du in der ganzen Zeit Kontakt mit der Haie-Geschäftsführung gehalten? Thomas Eichin sagte ja: "Dieser Wechsel kam für uns nicht überraschend" und auch Bill Stewart meinte, dass man immer damit rechnen musste.
Die Vereine hatten mit den Haien Kontakt und ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Von daher war es für den Verein und mich nicht überraschend, dass da ein Wechsel zustande kam.
War es für dich relevant, dass die Haie noch eine Entschädigung kriegen? War der Vertragsabschluss deshalb erst so spät?
Der war so spät, weil ich mir so viel Zeit lassen wollte, wie möglich. Ich wollte sehen, wie sich die Mannschaften vielleicht nochmal durch Trades verändern. Es freut mich natürlich für den Verein, dass er noch Geld für mich bekommen hat und dass ich somit vielleicht ein bisschen zur Rettung des KEC beigetragen hab.
Wie viel Kompliment ist es für dich, dass Stewart Matt Pettinger als deinen Ersatz angekündigt hat, weil es keinen Deutschen auf deinem Niveau gab, der hätte verpflichtet werden können?
Das ist natürlich ein Riesenkompliment. Ein Spieler, der so viel in der NHL gespielt hat als meinen Ersatz anzukündigen ist viel Lob und ich versuche jetzt drüben das zu schaffen, was er schon geschafft hat.
Wie hast du deine letzten Tage in Deutschland verbracht?
Jetzt am Wochenende war ich zu Hause in Berlin. Gestern war ich beim Spiel gegen Ingolstadt und fand es gut, besser als gegen Düsseldorf die Woche davor. Ich glaub, die haben eine ganz gute Mannschaft. Der Stewie hat schon gute Arbeit geleistet und alle Positionen verbessert. Ich denke, die werden um Platz 4 mitspielen.
Heute hab ich nochmal ein paar Behördengänge mit Abmeldung und so und morgen ist der letzte Trainingstag mit den Haien. Am Mittwoch geht dann der Flieger nach Toronto.
Weißt du schon, was dich erwartet, wenn du drüben aus dem Flugzeug steigst?
Ich werde mit dem Korbi zusammen abgeholt und hoffe dann vielleicht direkt aufs Eis zu können, um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Ich weiß, dass wir zwei Tage erstmal nichts zu tun haben und erst am 10. September geht es dann richtig los.
Wir bedanken uns bei Marcel Müller für das Interview und wünschen ihm alles Gute und viel Erfolg bei seinem Weg in die NHL!
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